Mamiya ZD - Mittelformat digital

V 1.1.0 vom 16.06.05 updated 05.06.05 ©2005
possizd
Anlässlich der Fürstenfeldbrucker Naturfototage hatte ich die Gelegenheit, ein Vorserienmodell der Mamiya ZD (Stand Anfang Juni 2005) eine Weile zu probieren. Dazu herzlich Dank an die Herren von Mamiya in München, die sich geduldig von mir haben ausfragen lassen. Diese Kamera ist die erste vollständig integrale digitale Mittelformatkamera, also nicht nur eine nachträglich angesetzte Digital-Rückteillösung.

Das Gerät entspricht, von Details abgesehen, schon der geplanten Serie und ist prinzipiell voll funktionsfähig. Die Handhabung, die "Haptik" ist recht gut, der grosse Body liegt satt in meinen relativ großen Händen. Das Gewicht entspricht bis auf wenige Gramm der Canon 1Ds MkII, von den Abmessungen ist die Mamiya sogar einen Hauch schmaler. Das ist erstaunlich, ist doch Sensor, Spiegel und Prisma im Prinzip doppelt so groß. Auf der linken Seite ist das Fach für die beiden Speicherkarten angebracht, die parallel in den Slots verbleiben können. Per Menü kann umgeschaltet werden, wohin die Daten gelangen. Im Boden, unter dem ausgebildeten Handgriff, ist eine Klappe mit Schieber, wo der LiO Akku eingeschoben wird, hierbei handelt es sich offenbar um einen Sony-Videoakku, den es überall zu kaufen gibt. Ich konnte es nicht überprüfen, aber der Akku soll für 450 Aufnahmen reichen. Das ist erstaunlich sparsam für das solide Gerät. Mitgeliefert wird ein Ladeteil mit 2 Ladeschächten.

Der Sucher ist besser als bei den meisten Kleinbild-DSLR, aber nicht ganz so fantastisch hell wie bei der hauseigenen Mamiya 645 AFD. Im Sucher, unter der Mattscheibe, sind die üblichen Anzeigen angebracht, recht übersichtlich. Eine wirkungsvolle Fehlsichtigkeitkorrektur (Dioptrienausgleich) ist eingebaut. Die zwei LCD Felder oben und hinten lassen sich grünblau hinterleuchten und sind hierdurch im Dunklen hervorragend ablesbar. Angezeigt werden hier die üblichen Daten (Bildgröße, Format, Kompression, Bildnummer, ISO, gewählte Speicherkarte, Weissabgleich etc.). Das Menu wird auf dem 1,8" Farbmonitor angezeigt, der zwar ausreichend hell, für heutige Verhältnisse eher grobpixelig, aber dafür stromsparend ist. Das Menu ist in vier verschiedenfarbig gekennzeichnete, übersichtliche Untermenus gegliedert, und selbst beim Vorserienmodell waren schon Landessprachen wählbar. Die Einstellmöglichkeiten sind reichhaltig und klar gegliedert. Es lassen sich 31 Presets erzeugen und separat abspeichern. Sehr schön gelöst ist die Dateneinstellung mit den beiden Rollrädern, insbesondere lässt sich auch bei der Programmautomatik die sehr praktische Shift-Funktion nutzen, wo sich die infrage kommenden Blende-Verschlusszeit-Paare schnell durchrollen lassen.

Im Inneren der Kamera kommt ein 36x48mm großer Chip des kandischen Spezialisten Dalsa zum Einsatz. Die Einzelpixel sind quadratisch und 9 Mikrometer groß. Die Sensordiagonale liegt also nach Pythagoras bei 60mm, das 645er Filmformat hat 56x41,5mm, also eine Diagonale von 69,7mm, woraus sich ein Verlängerungsfaktor von 1,16x errechnet. Die Rechnung gilt nur, wenn die aktive Sensorfläche auch wirklich den Dalsa-Angaben entspricht (Randbereiche des Sensors werden oft nicht mitbenutzt). Das derzeit kürzeste Objektiv Mamiya AF 35mm/3.5 dürfte an der ZD also etwa einem Bildwinkel eines 24mm Objektiv bei Kleinbild entsprechen. Mamiya denkt darüber nach, später evtl. noch ein AF 28mm herauszubringen, was dann etwa einer KB-Brennweite von 19mm entspräche, was meinen Fotogewohnheiten sehr entgegenkäme. Ansonsten sind alle bekannten Autofokusobjektive der Mamiya 645AF/645AFD auch an der ZD verwendbar. Der Fokus erfolgt ausreichend schnell (merklich schneller als an der AFD), nur das 300er war langsamer, wahrscheinlich ein Firmwareproblem der Vorserien-ZD. Der Auslöser arbeitet nach dem Fokussieren (halb gedrückter Auslöser) praktisch verzögerungsfrei. Das Abspeichern der riesigen Dateieen dauert seine Zeit, je nach Format etwa 6-8 Sekunden. Der eingebaute Puffer fasst 11 Bilder, dafür brauchte die Vorserien-ZD etwa 16 Sekunden, sie schafft also für Mittelformat erstaunliche 1,4 Bilder pro Sekunde. Bei Rollfilm wäre jetzt schon wieder Filmwechsel angesagt.

Interessant ist es, daß die Kamera ohne LP-Filter (Tiefpass) auskommt. Statt dessen ist ein IR-Cut Filter eingebaut, das herausgenommen werden kann. Ein extra lieferbares LP-Filter für Aufnahmen von Objekten mit regelmäßigen, feinen Strukturen kann zur Vermeidung von Moire-Effekten vom Nutzer alternativ eingesetzt werden. Das finde ich eine sehr gute Lösung, weil die LP-Filter "normale" Bilder unscharf machen, und bei Fotos von Personen oder Landschaften völlig überflüssig sind. Trotzdem sind sie in alle mir bekannten DSLR fest eingebaut. Als Anschluss steht Firewire zur Verfügung, das ist die schnellste und professionellste Schnittstelle, zusätzlich noch ein Videoausgang (Pal oder NTSC im Menu wählbar). Natürlich kann man auch die Speicherkarte herausnehmen und am Computer ohne spezielle Herstellersofware auslesen, das machen wohl die meisten Anwender. Die Kamerafunktionen sollen sich über eine Mac- und Windows-Software komplett fernsteuern lassen. Für den, der sowas braucht, z.B. im Studio oder für wissenschaftliche Anwendungen, eine interessante Lösung.

Die Bilder sind prinzipiell schon unglaublich gut, die enorme Schärfenleistung der Mittelformatobjektive von Mamiya sowieso ausser Frage. Hier liegt der klare Systemvorteil zur Kleinbild-DLSR, auch zum Vollformater. Die Sensorauflösung von Dalsa beträgt sagenhafte 5328x4000 Pixel, in JPG bester Qualität werden die 64 Mbyte an unkoprimierten Bilddaten knapp 10 Mbyte gross, im hauseigenen MEF-Format 34,9 Mbyte. Schade, dass auch Mamiya als kleiner Hersteller nicht von den Vorteilen eines offenen RAW-Standards profitieren will - vielleicht überlegen sie es sich noch anders. Der Vorteil vom OpenRaw-Format oder auch alternativ Adobe DNG liegt vor allem darin, daß die Standard-Bildbearbeitungsprogramme (Adobe Photoshop, Gimp etc.) schon hervorragende OpenRaw-Konverter eingebaut haben, ausserdem profitiert der Kamerahersteller auch noch von zahlreichen Shareware- und Freeware-Programmierern, die oft enorm kreative Ideen haben und zusätzliche Software für den User erschaffen. Mamiya bietet an der ZD zur Zeit Empfindlichkeiten von 50 bis 400 ISO. Die grossen Sensor-Chips scheinen empfänglich für Farbrauschen zu sein, aber mit moderen Entrauschalgorithmen (z.B. Noise Ninja etc.) lassen sich die Bilder ja leicht "reinigen". Daher fände ich auch ein 800 und 1600 ISO Modus zusätzlich interessant (aber bitte nicht mit internen Glättungsalgorithmen wie bei Canon "rauscharm" schöngerechnet). Lt. Mamiya werden die Daten intern mit 14 bit pro Farbkanal verarbeitet und auf 12 bit rückgerechnet. Auch hier fände ich es überlegenswert, die Daten unverrechnet in OpenRaw in voller Bittiefe zur Verfügung zu stellen.

Als schönes Feature empfände ich die Möglichkeit, die Maske für tote Pixel vom User updaten zu können. Auf der riesigen Chipfläche sammelt sich da im Laufe der Zeit naturgemäß einiges an Fehlpixel an. Eine vom User initiierte "Schwarzaufnahme" könnte als erneuerbare Maske dienen, um neue Hot-Pixel zu erkennen und ab jetzt durch Mittelwerte aus den Nachbarpixeln zu ersetzen. Diese Möglichkeit liesse sich vielleicht noch in die Software integrieren - man hätte immer ein fehlerpixelfreies Bild, ein Alleinstellungsmerkmal zu Konkurrenzprodukten. Nützlich wäre auch eine Funktion "Spiegelvorauslösung kombiniert mit kurzem Selbstauslöser", um den Spiegelschlag zu unterdrücken. Diese Funktion schätze ich bei meiner derzeitigen Kamera sehr für schnelle, unauffällige oder heimliche Aufnahmen mit wenig Licht bei aufgelegter Kamera, z.B. an heiligen Orten etc. Drückt man den Auslöser, klappt erst der Spiegel hoch, dann nach 2 Sekunden sind die Vibrationen abgeklungen und es erfolgt sofort die Belichtung - das spart in dieser Situation auch das Hantieren mit dem Kabelauslöser.

Der Preis würde wohl bei etwa 10T Euro liegen, plus Mehrwertsteuer. Genaue Angaben dazu gibt es nicht. Ein signifikant höherer Preis erscheint mir angesichts der Konkurrenzsituation unrealistisch, wenn man den Abstand zum Kleinbild-Vollformater einerseits und zu den etablierten Rückteillösungen fürs vorhandenes analoges Mittelformatequipment anderseits berücksichtigt. Die Serienproduktion könnte im Sommer anlaufen, die gebaute Vorserie ist bei ausgewählten japanischen Fotografen im Einsatz, um das Produkt zu optimieren. Ich hoffe, das Projekt wird verwirklicht (es sieht so aus), auch wenn Mamiya mit anderen Produktzweigen (Banknoten- und Chipkartenleser für Spiel- und Geldautomaten) offenbar mehr Geld verdienen kann. Die Marke hat bei seriösen Fotografen weltweit einen hervorragenden Namen, es wäre schade, wenn die ZD nicht käme. Ohne dieses Produkt hat die Kamerasparte von Mamiya mit ihrer langjährigen Tradition keine Zukunft.

Mit der Verbesserung der Sensortechnik kann das System auch weiter wachsen, während die Kleinbild DSLR formatbedingt schon jetzt in der Nähe der Qualitätslimits der Objektive gerät, wie unabhängige Tests und die eigene Erfahrung immer wieder bestätigen. Es ist also noch reichlich Raum für eine zukünftige Mamiya ZD MkII mit einem 40 MPixel-Sensor und zahlreichen anderen Weiterentwicklungen in vielleicht 2-3 Jahren. Wer soll das bauen, wenn nicht Mamiya? Pentax ist noch nicht mal halb soweit, die haben erst ein Holzmodell für eine Digitalmittelformatkamera vorgestellt mit einem 18 MPixel Kodak-Sensor. Weitere Mittelformat-Hersteller gibt es nicht oder nicht mehr, auch Hasselblad kauft sein Rückteil ein, die anderen produzieren nur Rückteile und keine Kameras. Ich würde jedenfalls die ZD sofort kaufen. Sie ist ideal, wenn man die optimale digitale Bildqualität z.B. für unterwegs oder fürs Studio will. Sie hat den im professionellen Bereich bevorzugten Formfaktor 4:3, der die Bildgestaltung viel leichter macht als die 3:2 im Kleinbild. Auch alles Andere an Digital-Fotografie mit höchstem Qualitäts-Anspruch ist möglich. Nur für extrem schnelle Sportarten ist die Kamera nicht optimal. Das Konzept stimmt, die Handhabung ist auch unterwegs einfach (110 Raw-Bilder bzw. 500 beste JPG gehen auf einen 4 Gbyte-Chip) und die vorhandenen Objektive (derzeit 35 bis 300mm einschließlich 2 Zooms und einem Makro) sind erstklassig. Das erste Foto unten zeigt einen Mini-Fotorucksack mit der ZD und einem Brennweitensortiment von 35-300mm. Mit knapp 5 kg ist das Ganze auch hochgradig reisetauglich. Wir sind gespannt auf das Endprodukt, das sich so wohltuend vom bisherige DSLR-Einerlei abhebt - gut gemacht, Mamiya!


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