Possi's Libyen-Offroadtour 1996 (2)

V1.1.3 vom 06.06.96, letzter Update 09.09.04 ©1996


Dokumentation Libyen


Landschaft im Akakus-Gebirge


Allgemeines:

Libyen ist mit seiner Fläche gut fünfmal so groß wie Deutschland, und hat nur 4,9 Mio Einwohner, die sich fast ausschließlich auf den schmalen, etwa 2000 km langen Küstenstreifen zum Mittelmeer konzentrieren. Rund 90% des Landes sind Wüste, große Teile davon sogar hyperaride Gebiete, die jahrzehntelang keinen Regen sehen und völlig bewuchsfrei sind. Dies gilt insbesondere für den Süden und Südosten. Die Haupstadt ist Tripolis, eine Metropole mit gut einer Million Einwohnern, großteils modern gestaltet, wenngleich auch noch etwas Altstadt erhalten ist. Verglichen mit Großstädten benachtbarter Länder aber eher charakterlos, es fehlt jegliches internationales Flair, sicher auch verursacht durch den See- und Flughafen-Boykott, so daß jegliche Einreise für Ausländer nur auf dem mühsamen und zeitaufwendigem Landweg möglich ist. Libyen hat eine Militärregierung, die ihre Interessen wohl ziemlich rücksichtslos durchsetzt. Man befindet sich definitiv nicht in einem Rechtsstaat, darüber muß man sich klar sein. Touristen sind selten, so daß ihnen i.d.R. äusserst gastfreundlich begegnet wird. Das aggressive Geschnorre und Betteln, das in den Nachbarländern so nervt, gibt es hier nicht. Das mag allerdings auch daran liegen, daß das Bruttosozialprodukt ungleich höher liegt (mehr als zehnmal so hoch), da das Land reich an hochwertigem Erdöl ist. Allerdings sind die Petrodollars ungleich verteilt, was immer wieder auch daran zu erkennen ist, daß zwar zahlreiche, hervorragende, vierspurige, tag-und-nacht-beleuchtete Schnellstraßen durch abgelegene Oasen führen, diese selbst aber nur aus Hütten, Autowracks und gleichmäßig verstreuten, Unmengen an Müll bestehen. Das ursprünglich im ganzen Sahararaum verbreitete Normadentum ist in Libyen völlig ausgerottet worden, wie überhaupt praktisch nichts traditionelles, bodenständiges mehr zu finden ist. Was bleibt, neben den netten Menschen, ist eine grandiose Wüstenlandschaft, die alleine die Reise dorthin rechtfertigt, zumal hier der Fremde sich noch sicher fühlen kann.

Klima und Reisezeit:

Unmittelbar an der Küste herrscht mediterranes Klima ähnlich Süditalien, aber wenig südlich davon wird es rasch trockener mit entsprechen spärlicherem Bewuchs. Eine Wassescheide wie das Atlasgebirge in Algerien und Marokko gibt es nicht. Etwa 200-300 km südlich der Küste geht die Landschaft in Vollwüste über. Für die ganze Zentralsahara gelten die gleichen Reisezeiten, Oktober bis April, wobei die klarsten und angenemsten Monate meist November und Dezember sind, Januar und Februar sind kalt, so daß man abends eine Daunenjacke braucht. Dagegen hatten wir im April mittags bereits vereinzelt brutale Hitzetage mit 50 Grad in der Sonne (und mehr) zu ertragen. Wenigstens kühlte es nachts noch auf 15-20 Grad ab. Die Sommermonate sind für Saharatouren ungeeignet. Für den Transit durch Tunesien und die Küstengegend muß man mit gelegentlichem, u.U. heftigen Regen rechnen, das Wetter gleicht hier Südeuropa.

Route:

Es gibt viele gute Teerstraßen, die fast alle Orte anbinden. Daher geraten viele früher befahrenen Pisten in Vergessenheit. Aus verschiedenen Gründen werden für etliche Pisten Führer zwingend vorgeschrieben, so z.B. auf der Strecke Ghadames-Ghat, im Akakus-Gebirge oder im Wadi Mathendous. Die von uns ebenfalls befahrene Strecke südlich Kofra ist Sperrgebiet und normalerweise nicht befahrbar. Dagegen sind die Mandara-Seen oder der Waw en Namus auch frei erreichbar, was mit den heute zur Verfügung stehenden Beschreibungen und GPS-Koordinaten auch erfahrenen und geübten Wüstenpiloten ohne Ortskenntnissen möglich sein sollte. Doch Vorsicht: ein paar Endurofahrkenntnisse alleine dürften möglicherweise nicht ausreichen, die zu überwindenden Entfernungen ohne Versorgung sind sehr groß! Führer findet man über Reiseagentouren, die an den Schlüsselorten (Ghadames, Ghat, Uwaynat, Timsah, Kofra) an aufälligen Schildern leicht zu erkennen sind. Die Führer mit 4-WD-Fahrzeug sind nicht billig, man muß täglich mehrere hundert Mark rechnen, natürlich kann man dann für mehrere Tage auch größere Rabatte aushandeln. Daher ist es günstig, wenn sich diese Kosten auf mehrere Leute aufteilen. Damit ist auch das Benzintransportproblem lösbar, wenngleich trotzdem ein großer Tank zu empfehlen ist. Die Beschilderung ist ausnahmelos rein arabisch. Man kann sich mit Entfernungsangeben und einer arabisch beschrifteten Landkarte helfen. Reise-Höhepunkte sind der Erg Bouaret, das Akakus-Gebirge, der Gabronsee, der Waw en Namus sowie die Landschaft um Rabianah und Besimah südlich und östlich Kofra. Achtung: einige Pisten in Südlibyen sind vermint, Lebensgefahr!

Dokumente und Geld:

Nötig ist ein ausreichend lange gültiger Reisepaß mit dem Visum und beglaubigter arabischer Übersetzung. Dazu Fahrzeugpapiere, nationaler (und sicherheitshalber internationaler) Führerschein sowie eine an der Grenze abzuschliessende Versicherung, was zusammen etwa die Hälfte der unregelmäßig erhobenen 500 US$ Zwangsumtausch aufbraucht. Dann erhält man ein riesiges grünes arabisches Kennzeichen, für das sich im Land aber niemand mehr interessiert (ich habe es abgeschraubt um es nicht zu verlieren). Da Schecks, Kreditkarten und andere moderne Errungenschaften ungebräuchlich sind, behilft man sich mit Bargeld, das in Südtunesien billigst frei verkauft wird. Die Einfuhr und Ausfuhr ist aber illegal. Führer wollen i.d.R. mit Devisen bezahlt werden. In Begleitung eines Einheimischen gehen die zahlreichen Straßenkontrollen durch Militär und Polizei relativ reibungslos. Beschleunigen kann man den Vorgang noch, wenn jeder reichlich Kopieen der arabischen Paß-Übersetzung bereithält.

Anreise:

Auf dem Landweg fährt man in 1-2 Tagen nach Genua oder Marseille, von hier in einer Tagesreise mit der Fähre nach Tunis. Von Tunis zum einzigen Grenzübergang Ras Ajdir einschließlich der zeitraubenden Grenzformalitäten sind es zwei Tagesetappen. Bis zum Einstieg in die ersten interessanten Wüstenetappen fährt man nochmals etwa 1-2 Tage Teerstraße. Das bedeutet (wenn alles optimal läuft) mindestens 10 Tage anstrengende, wenig attraktive An- und Abreise-Etappen. Eine Flug- oder Fährverbindung nach Tripolis oder Bengasi aus Europa besteht wegen des internationalen Embargos leider nicht.

Essen und Übernachtung:

Nur in den größeren Oasen gibt es Restaurants unterschiedlicher Qualität, die man natürlich besucht, um die sehr begrenzten eigenen Vorräte zu schonen. Auf lokalen Märkten kann man sich wieder eindecken, das Angebot ist für Saharaverhältnisse gut. Hotels sind selbst an der Küste Mangelware, gelegentlich findet man Jugendherbergen. In der Wüste wird natürlich campiert, ein Zelt ist normalerweise nicht nötig, ausser man will sich ein wenig gegen potentielle Sandstürme, Kälte oder Regenunwetter absichern. Nur im Winter sind wirklich warme Schlafsäcke nötig. Auf Wunsch wird man von den Führern versorgt, oder man kocht selbst.

Gesundheit:

Schutzkleidung ist der wichtigste Schutz der Gesundheit, s.u.. Dazu ein erweitertes Erste-Hilfe-Set, Immodium oder Lopedium gegen Durchfall, Aspirin, Betaisadonnasalbe, Micropur zur Wasserdesinfektion sowie evtl. persönlich erforderliche Medikamente. Es gibt es eine brauchbare, kostenlose medizinische Grundversorgung und ordentlich sortierte Apotheken. Eine Malaria-Prophylaxe wird derzeit auch für Südlibyen nicht empfohlen. Tetanus-Schutz überprüfen, die letzte Auffrischung sollte nicht länger als 5 Jahre zurückliegen.

Motorrad und Ausrüstung:

Der Reiz einer Saharareise lieg naturgemäß nicht im gepflegtem Asphaltstraßennetz Libyens, sondern in den landschaftlich grandiosen Offroad-Etappen. Das erfordert eine zuverlässige, möglichst leichte und wegen der zahlreichen Sandstrecken auch drehmomentstarke Enduro. Am leichtesten tut man sich mit Sportenduros, die aber auch unbequem auf Lang-Etappen oder Straße sind. Wirklich geübte Piloten mit richtiger Fahrtechnik haben auch auf BMWs oder Afrikatwins Chancen. Beladung mit Gepäck reduziert diese deutlich, zumindest eine Beschränkung auf das Notwendigste in Ultralightausführung tut Not. Als Reifen nimmt man einen Rally-Typ, z.B. den bewährten (aber 1995/96 monatelang nicht lieferbaren) Michelin Desert oder den Pirelli Rallycross, die im Sand mit knapp 1 bar Luftdruck gefahren werden. Alle Verschleißteile müssen bei Start neu sein, die Stachelreifen werden erst vor der ersten Geländeetappe montiert. Von besonderen Maßnahmen wie speziellen, halbprofessionellen Umbauten oder Motortuning würde ich eher abraten. Unverzichtbar ist eine komplette Endurobekleidung einschließlich Crosspanzer und harten Geländesportstiefel, weil dadurch praktisch alle Verletzungen bei den häufigen Bagatellstürzen vermieden werden.

Navigation und Kartenmaterial:

Die angemieteten Tuareg-Führer nahmen uns viele Navigationsprobleme von vorneherein ab, wir sind aber auch etliche Stecken (Dünengebiete und Reg-Ebenen) nach reiner Satellitennavigation gefahren, wenn sich die Führer nicht mehr auskannten oder wir keine Führer zur Verfügung hatten. Mit Kompass, Karte und GPS sollte man umgehen können, dazu muß man ein Auge für das Gelände entwickeln, denn Navigation ist eine praktische Disziplin. Technische Navigationshilfen können ausfallen. Für die libysche Sahara gibt es leider nicht so schönes Karten-Material wie für Algerien, als Übersicht dient natürlich die Karte Michelin 953, dazu die Geo Projekts Karte Libyen (die Propaganda-Grenzverläufe der Militärregierung zeigt, die nicht der Praxis entsprechen). Daneben gibt es noch russische Militärkarten (mit kyrillischer Beschriftung) mit gutem Masstab sowie die bekannten amerikanischen Fliegerkarten, die aber kaum Pisten zeigen. Nicht mehr aufzutreiben sind hochmaßstäbige italienische Karten aus den vierziger Jahren, von denen ich nur einige Fotos kenne, die einzigen Karten, wo einige der Mandara-Seen verzeichnet sind. Wer Geduld hat, findet hier einen Scan der Michelin-Karte von Libyen mit unserer Reise eingezeichnet (198 Kbyte-JPG, hochauflösend).

Literatur und Sonstiges:

Es gibt leider nicht viele Bücher. Wirklich zu empfehlen und relativ aktuell ist nur: "Libyen", Göttler, Reise Knowhow, 1995, DM 39.80. Diesen Führer sollte man vor der Reise lesen, da steht auch eine Menge Hintergrundinformation drin. Dann gibt es noch "Libyen", Steinecke, Stein-Verlag, 1991, DM 22.00. Bewährter Reiseanbieter ist hier Wüstenfahrer (Murnau), es gibt aber auch weitere - z.T. mit unterschiedlicher Zielsetzung - Hinterreiter (Bürs, Österreich, Rallytraining), Team Aventura (Kaufbeuren, individuelle Kleingruppen), Solleder (Gröbenzell), Kreutzer (Wuppertal), die Liste ist aber unvollständig, hier Empfehlungen zu geben fällt schwer, weil selbst erfahrene Anbieter bei besonderen Touren ihr Reiseziel aufgrund politischer oder organisatorischer Gründe verfehlen können.

Im Internet findet man unter Libyen-Link-Liste und Lybien einige Sachen zum Land.

Ausserdem gibts inzwischen auch einige Reiseberichte im Web:

Pauls Libyenreise
Werner's Libyenreise
Achim's Libyenreise

©1996 Possberg


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