Possi's Marokko-Tour 1995 (1)

V 1.1.2 vom 27.02.96, letzter Update 16.09.04 ©1996 zur Seite 2 - Zur Info die einfache Marokko Karte oder hochauflösend meine Tour (466 Kbyte JPG)

Dieser Reisebericht wurde auch im "Tourenfahrer" 8/95 (Seite 88-100) veröffentlicht. Download PDF


Einen etwas ungewöhnlichen Anfang nimmt eine Motorradreise, wenn man seinen Reisepartner vorher garnicht kennt. Es ist Matthias, Computertechniker aus Erlangen. Er hatte eine Kontaktanzeige im TF aufgegeben, Reiseziel Süden, einige Wochen. Unsere Vorraussetzungen waren recht verschieden, deutlicher Altersunterschied, konzeptionell völlig unterschiedliche Enduro-Motorräder (er hatte eine XT660), Matthias wollte zum ersten Male Europa verlassen, während ich schon zahlreiche Motorradtouren weltweit gemacht hatte. Wir einigen uns auf Marokko, ein Land, das von Europa noch einigermaßen leicht erreichbar ist, das ziemlich problemlos zu bereisen ist und das viele Gegensätze verspricht.

Es ist kalt in den östlichen Ausläufern des Rif-Gebirges. Wir waren gewarnt vor den Zudringlichkeiten der Drogenverkäufer, die jeden Touristen zu stoppen versuchen, angeblich sogar mit der Polizei zusammenarbeiten sollen. Auf unserer abgelegenen Strecke treffen wir aber kaum einen Menschen, höchstens mal einen Eseltreiber, der uns freundlich zuwinkt. Am Horizont verschneite Gipfel, in der kargen Ebene davor einige Dörfer aus Lehm. Allaaaaah....uagbar, Allah ist groß, schallte es aus den Lautsprechern der Moscheen herab - wir sind im islamischen Teil Afrikas. Je weiter wir in den Süden vordringen, desto mehr schwindet die Kälte, bis es schließlich angenehm warm ist. Der Fluß Ziz hat einen Schlucht in das Atlasgebirge eingekerbt, die wir durchqueren können. Im Süden des Atlas erreicht er die Wüste, wo seine Spur von einem grünem Band in der sonst völlig kargen Landschaft markiert ist. Diese Landschaft heißt das Tafilalt. Sie ist intensiv mit Palmenkultur und Gemüseanbau genutzt. Dieses Jahr hat es im Frühjahr viel geregnet, daher präsentiert sich die Landschaft besonders intensiv grün, welch Kontrast zu den dunklen Felslandschaften drumherum. Weiter südlich beginnt die Vollwüste, das was man sich unter der Sahara vorstellt: endlose schwarze Kieselebenen, Sanddünen, Felsabbrüche. In Marokko gibt es allerdings kaum Sanddünen, diese Bilderbuchformationen findet man eher in Algerien, Libyen und Mauretanien. Eine der wenigen Ausnahmen bildet der kleine Erg (Dünenansammlung) Chebbi, südlich von Erfoud. Eine 40 km lange Piste führt an seine Nordspitze. Die höchsten Dünen hier sind knapp 150 Meter hoch, die Länge des Erg beträgt etwa 40 km, alles für Saharaverhältnisse also eher bescheiden. Die Dünen sind aber recht malerisch gruppiert und relativ steil, so daß es leider nicht gelingt, seine Gipfel zu befahren. An der Westseite gibt es einen See, den Dayet Srji, der sogar Wasser führt, als wir ihn erreichen. Eine große Schar von Flamingos und anderen Wasservögeln hat sich hier niedergelassen. Das ist schon fast ein surreales Bild, ein See mit Flamingos, grünen Ufern, tiefblauem Wasser und den sich darin spiegelnden gelben Sanddünen. Matthias, bisher ohne Wüstenerfahrung, lernt das Sandfahren schnell, zunächst auf unverspurten Dünenausläufern, später auf verspurten Sandpisten, schließlich sogar fast knietief gespurte, weichsandige Wadi-Durchquerungen (Wadis sind trockene Flußläufe). Einen einheimischer Berber nehme ich dabei als Sozius mit, er trägt das stolze blaue Gewand, das ich von den Tuareg kenne. Als ich ihn darauf anspreche, erklärt er mir, daß die traditionelle Kleidung der Berber eigentlich weiß sei, aber das Blau sei eben praktischer - marokkanischer Pragmatismus. Er kennt sich sehr gut aus in dem Gelände und leitet unsere Motorräder über die Dünen von Osten zu einem von außen nicht sichtbaren, unbewohnten Palmenhain mitten im Erg Chebbi. Mit nur wenigen Handgriffen im Sand demonstriert er uns, wie leicht hier Wasser erreichbar ist, daher der beliebte Rastplatz für Normaden mit ihren Tieren. Diese Normaden mit ihren Kamelen treffen wir dann weiter draußen in der schwarzen Kieselwüste an ihrem Kamelhaarzelt. Sie sind sehr arm, bieten uns aber dennoch von ihrem Essen an. Ich schenke dem Oberhaupt, einem schon deutlich gealtertem, braungebrannten Mann mit tief zerfurchtem Gesicht, ein paar Liter Benzin für seinen Mopedmotor aus dem riesigem Tank meiner HPN-BMW. Schließlich erreichen wir (von algerischer Seite aus!) den Militärposten von Marokko, die Jungs sind aber sehr nett. Sie erzählen, daß versehentlich bei der Paris-Dakar hier einige Teilnehmer auf algerische Seite geraten sind und man sie wieder zurückgeschickt habe. Einer habe aber nicht reagiert und sei mit einem Wahnsinnstempo weitergerast, man habe ihn eben nicht einholen und stoppen können. Seine Rally habe in Algerien im Gefängnis geendet. Bei unserer Wüstenetappe haben wir einen Italiener aus Bozen eingesammelt, der völlig erschöpft (und völlig alleine!) neben seiner Suzuki saß. Er hatte keinerlei Erfahrung - und sich offensichtlich übernommen, auch psychisch. Dabei waren seine technischen Vorraussetzungen recht ordentlich: kaum Gepäck, richtige Reifen mit abgesenkten Luftdruck, leichter Einzylinder (Suzuki DR650), gerade richtig für einen Anfänger. Allerdings hatte er einen fatalen Fehler gemacht: er hatte sich von seinem Händler daheim eine Kette ohne O-Ringe aufschwätzen lassen, "extra für den Sand". Die Kette war schließlich etliche Glieder zu lange geworden, das Kettenrad sah aus wie eine kreisförmige Wellenlinie mit Haken, die Kette sprang häufig ab, trotz festen Spannens. Und das nach weniger als 4000 km! Seine Reise war beendet, bevor sie richtig begann (in Marokko gibt es keine Ersatzteile).

Nach den ersten Wüstenerlebnissen zieht es Matthias und mich nun in das Gebirge, wir hatten von Todra- und Dades-Schlucht gelesen. Auf der Karte sieht man, daß sich beide Strecken wunderbar verbinden lassen, die Pisten führen dabei auch noch über den 2995m hohen Tilmi-Paß. Ausgangspunkt für diese Strecke ist die wunderschön gelegene Flußoase Tinerhir, wo es auch eine reizvollen Campingplatz mit Badebecken gibt. Die Todra-Schlucht ist an ihrem Eingang enorm hoch und eng, man hat fast das Gefühl, daß sich die Felswände über einem berühren. Im weiterem Verlauf beginnt es leider zu regnen, die Strecke wird streckenweise sehr schlammig, außerdem zweigen ständig Nebenpisten ab, so daß die Orientierung schwierig ist. Die beiden Strecken der Todra- und Dades-Schlucht treffen in Agoudal zusammen, ein für Atlasverhältnisse bereits recht großes Dorf mit eindrucksvoller Kashbah. Sämtliche Häuser sind, wie überall hier, aus Lehm gemacht, als Flachdach dienen Strohmatten, die mit Lehm verschmiert sind. Diese Häuser können bei entsprechender Pflege durchaus einige duzend Jahre alt werden. Wasser gibt es am Brunnen, und häßliche Elektromasten sieht man nirgends. Die ganz fortschrittlichen der Bewohner betreiben einen Satellitenempfänger fürs Fernsehen an Solarzellen - ob das glücklich macht? Die einzige Herberge in Agoudal ist geschlossen, und so müssen wir im Nieselregen in der Kälte den Tilmi-Paß finden, was bei schlechter Sicht nicht einfach ist. Es klart aber weiter südlich wieder auf, so daß wir den sehr eindrucksvollen Weg entlang des Canyons bis Msemir noch schaffen, wo wir eine einfache Pension beziehen. Südlich hiervon folgt der Weg nun der Dades-Schlucht, in die er in etlichen Kehren erst kurz vor Boumalne hinabtaucht. Wir haben unseren Spritverbrauch in der dünnen Luft auf den Geröllpisten unterschätzt, so daß ich Matthias noch von meinen Vorräten abgeben muß.

Etwa drei Kilometer östlich von Boulmane zweigt eine unbeschilderte Piste nach Süden von der Teerstraße ab, die über den Tazazert-Paß nach Nekob führt. Der holprige Weg wird mehr als entschädigt durch die grandiose, schwarze Felslandschaft, die sehr an das Hoggarmassiv in Südalgerien erinnert. Von Nekob aus erreicht man leicht das Draa-Tal, ein breites Band einer grünen, stark landwirtschaftlich genutzten Flußoase, an deren südlichem Ende der hübsche Ort Zagora liegt. Hier steht die berühmte Tafel am Beginn der Wüstenpiste mit der Aufschrift Timbuktu - 52 Tage (gemeint ist natürlich die Reise mit Kamel). Von hier geht es nach Forum-Zguid (Wüstenausrüstung erforderlich) auf einer ordentlichen, flotten Sandpiste, Weiterfahrtsmöglichkeiten nach Tata und Akka. Wir wählen aber den Weg nach Norden über Zaouit nach Agdz, wieder im Draa-Tal, weiter nach Quarzazate. Nördlich dieser Stadt führt rechts der Haupstrecke auf den Ticha-Paß eine Piste über die berühmten Kasbahs von Ait Benhaddou (Kulisse diverser Filme) und Telouet durch eine ergreifende Landschaft, wirklich sehenswert. Oberhalb der Paßhöhe des Ticha finden sich schöne, ungestörte, nachts allerdings etwas kalte wilde Zeltmöglichkeiten.

Eine schnelle Verbindungsetappe durch durchaus reizvolle, vorwiegend kahle Landschaft bringt uns über Amerzgane-Tazenakht-Taroudannt-Ait Baha in die Region des Antiatlas. Hier ist das Klima merklich milder, der Atlantik näher. Die Region ist dichter besiedelt, die Menschen längst nicht so arm wie im Hochatlas. So kletten sich malerisch im "Tal der Ammeln" die Orte am Fels entlang. Sehr schön ist insbesondere die Gegend um Tafraoute, wo es die bizarresten Steinformationen gibt. Hier hat der belgische Maler Jean Verame, der auch in Korsika und im Tibesti-Gebirge (im Tschad) Felsen gestaltet hat, ganze Felsformationen angemalt. Ich kam mit einem negativem Vorurteil an diesen Platz, muß aber zugeben, daß mich diese farbigen, skurrilen Formen (z.T. ei- und pilzförmig) sehr fasziniert haben, wirklich sehenswert.

Die Strecke führt weiter über die Oase der roten Häuser Guelmim, wo wir unseren südlichsten Punkt erreichen, nach Ifni an der Atlantikküste. Dieses Seebad hat wohl seine Glanzzeit schon hinter sich, die europäisch geprägten Bauten wirken alle ein wenig heruntergekommen. Der Atlantik scheint hier heute unnahbar, der Strand ist kühl und salzig-neblig, das Wasser ziemlich wild. Über Tiznit folgen wir dem Meer nach Norden, wo wir in Sidi Rabat einen Tag Pause einlegen, hier am Meer, neben dem Vogelschutzgebiet entlang dem Fluß Massa an sauberem Dünenstrand läßt es sich vorzüglich entspannen (Zufahrt nur über Sandpiste). Dagegen erscheint uns Agadir, nur eine gute Stunde nördlich, geradezu scheußlich: nur Neubauten (ein Erdbeben hat die Stadt 1960 zerstört), häßlicher Strand mit Hafenanlagen, unverschämte Touristenpreise, überall Schleppertypen. Eine schöne Straße führt am Atlantik entlang weiter nach Norden, in die ehemals portugiesische Hafenstadt Essaouira. Der Hafen und die Stadt selbst sind sehr malerisch, von garnicht typisch marokkanischem Charakter. Es gibt herrliche Meeresfrüchte, die man aber im Restaurant und nicht an den von Jugendlichen betriebenen Grillständen essen sollte.

Marrakesch, schon der Name ist vielversprechend. Die Motorräder werden auf einem bewachtem Parkplatz geparkt (die sind recht sicher, auch wenn es nicht so aussieht), und zu Fuß geht es durch die Altstadt (Medina) mit ihren zahllosen Gassen, Moscheen, Palästen, Verkaufsständen und dem großen Markt (Souk). In Marrakesch ist die Orientierung in der Medina noch einigermaßen einfach, man kommt ohne die aufdringlichen, selbsternannten Führer aus.

Südlich von Marrakesch folgen wir der Nebenstrecke nach Amizmiz, ab hier führt eine Piste nach Aouzzer, wo wir allerdings den Nfiss durchqueren müssen. Diese etwa hundert Meter lange Furt ist zwar nur knietief, das Wasser aber war wegen der Schneeschmelze extrem reißend. Wir erreichen schließlich die Haupstrecke auf den Test-Paß, den wir als Abstecher auch befahren, an seiner Paßhöhe biegt noch eine Piste nach Westen ab, die auf etwa 2700 m Höhe zu einer Funkstation führt, wo man einen herrlichen Blick hat. Zurück nach Asni über eine Piste nach Imlil und dort weiter über eine grobe Piste nach Tacheddirt, herrliche Landschaft inmitten schneebedeckter Atlasberge. Wir übernachten im Zelt auf einem Feld bei Tahanaoute, und der nächste Morgen grüßt uns gleich grandios: es ist eine völlig klare Sicht, und am Horizont sieht man von rechts nach links die komplette schneebedeckte Kette der Viertausender. Nach einem Abstecher nach Oukaimeden, ein wenig attraktiv wirkender Skiort, der für die reichen Leute aus Marrakesch gebaut wurde (mit einer perfekt angelegten, kurvigen Bergstraße), führt unsere Route jetzt über Ait Ourir, Demnate (Felstor, schöner Abstecher nach Achaouikh) bis Ouzoud. Hier gibt es die berühmtesten Wasserfälle von Marokko. Ich hatte keine besonderen Erwartungen mitgebracht in einem wasserarmen Land, wurde aber positiv überrascht, die Wasserfälle sind sehr hoch und recht eindrucksvoll, und man kann hier wunderbar zelten.

Die weitere Fahrt führt durch sehr schöne, dünn besiedelte Atlaslandschaft, vorbei am Stausee von Bin el Ouidane nach Naour, Tizi n Isly (ab hier Piste nach Süden) bis nach Imilchil (Benzin vom Faß). Zuvor passiert man die wunderschönen, natürlichen Bergseen Lac Tislit und über einen Abstecher Lac Iseli. Sie liegen einsam zwischen kahlen Bergen, die sich darin stimmungsvoll spiegeln. Am Ufer des Lac Tislit ist eine Pension im Kasbah-Stil entstanden, die sehr malerisch als einziges Gebäude hier steht. Der Wirt berichtet, das demnächst die Piste von Rich nach Imichil als Teerstraße ausgebaut werden soll, dann werden sicher auch Touristen kommen. Hoffentlich nicht zu viele, sonst ist es aus mit der herrlichen Stimmung!

Unsere Route verläuft nun durch Dörfer des Hochatlas nach Westen über Asrir mit immer wieder herrlichen Ausblicken in einer Höhe von knapp 2000 Metern. Wir übernachten am Cirque de Jaffar mit Blick auf den knapp viertausend Meter hohen, verschneiten Jbel Ayachi an einem grandiosem, einsamen Camp (schwierige Orientierung). Über Midelt geht es nach Ain-Leuh (herrlicher Zedernwald mit Affenherden) und Azrou nach Fes. Die Stadt Fes ist sehr sehenswert, hier ist ein Führer tatsächlich nützlich. Dazu wähle man möglichst einen der eher ruhigen, nicht aufdringlichen Typen, die sind allerdings in der Minderheit (Preis vorher aushandeln!). Man sollte insbesondere die Medina mit ihren Färbereien und Gerbereien besuchen. Die Souks ähneln denen von Marrakesch. Über Moulay-Idriss (schön am Hang gelegen) mit seiner römischen Ausgrabungsstätte Volubilis gelangen wir nach Meknes (Königsstadt, Mausoleum usw.), weiter nach Larache, Tanger, zuletzt die reizvolle Küstenstraße nach Ceuta, mit Blick auf den Affenfelsen von Gibraltar auf der europäischen Seite. Alle zwei Stunden legt hier die Fähre ab, die uns wieder nach Europa zurückbringt.

Fazit: ein empfehlenswerter Trip für Motorradfahrer, die zum ersten Mal Europa verlassen wollen. Auch die Reisepartnerwahl per Anzeige hat sich bewährt, denn so eine Zweckpartnerschaft ist nicht von Erwartungen belastet wie eine alte Freundschaft - auch wenn sie sich daraus entwickeln kann.

Ich bin selbst interessiert: Marokko Reisen.


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