Tagebuch Zentralasien August-September 2003

4. August 2003, im Flieger von München

Am 04. August 2003 um 5.30 Uhr morgens, also 5 Stunden vor unserer Zeit, landen wir in Almaty (Kasachstan). Es gibt keine Zollprobleme in diesem alten Flughafen, der ziemlich karg ausgestattet ist. Dahinter schon der futuristische neue Flughafenbau, der vom neuen Reichtum Zentralasiens kündet. Hinter dem Betonklotz empfängt uns eine herrliche Kulisse des Tien Schan. Unsere bösen Vorahnungen verwirklichen sich. Keiner von dem Eldos-Cargo Unternehmen aus Kasachstan erwartet uns. Also müssen wir uns einen privaten Taxifahrer mieten, der uns nach langem Suchen zu der Spedition führt. Dort wusste freilich keiner, was hier läuft. Wir konnten kein Russisch, sie konnten kein Englisch. Trotzdem finden wir schließlich eine Angestellte, die ein bisschen Englisch versteht und spricht. Der Chef wird angerufen, der nach weiteren 2 ­ 3 Stunden auftaucht und uns endlich zu einem Hotel bringt, wo wir unsere Ruhe finden können. Selbstverständlich ist das Motorrad nicht fertig, obwohl es schon längst vor uns ankam und unsere Kleider hängen irgendwo im Zoll am Flughafen. Es überraschen uns krasse Kontraste. Neben Gucci-Läden und luxuriösen Villas erheben sich Betonplatten, die sich kaum noch aufrecht halten können. Trotz der sichtbaren Armut sind die Frauen und Männer hier ganz schön gepflegt. Es gibt sehr reiche Leute im Gegensatz zu der Vielzahl der Armen. Als Entschädigung für unser Warten werden wir am Abend in ein Lokals namens Scheti Kazina geführt, wo wir Bischparmak (Bisch heißt fünf, Parmak heißt Finger) essen; es ist ein Gericht mit Nudeln und viel Hammelfleisch. Dazu gibt es den Saft, in welchem das Fleisch gekocht wurde. Ausserdem kosten wir noch Plov, ein usbekisches Gericht, Reis mit Möhren und Rindfleisch. Als Getränk gibt es Shuba, also saure Milch. Freilich wusste ich nicht, was ich trinke, sonst hätte ich es mir vielleicht anders überlegt. Das Lokal empfängt seine Gäste in kasachischer und usbekischer Tradition, das gedämpfte Licht versetzt uns in eine Atmosphäre wie aus "Tausend und einer Nacht". Alles ist schön ornamentiert mit einer roten Decke und bunten Motiven und Verzierungen. Es ist, als ob wir in einem Palast eines Sultans aufgewacht sind. Das Restaurant ist neu gebaut, aber angeklebt an einem alten Gebäude aus der kommunistischen Zeit aus dunkelgrauem Beton mit vielen kleinen schmalen Fenstern, so dass der hellgelbe Neubau sich von dem dunklen Monster dahinter grotesk abhebt. Die Menschen hier, wie z. B. Gulmira, die Sekretärin von El -Dos-Cargo, haben eine sehr weiche Art zu reden, die den Westlichen einschläfern. Sie strahlen eine beruhigende Stille aus. Der Verkehr hier ist das totale Chaos. Es gibt überhaupt keine Regeln und wenn es sie gibt, beachtet sie niemand. Jeder fährt, wo gerade frei ist, welche Spur mal gerade unbesetzt ist, egal ob es die Gegenspur ist. Sehr viele teure Autos und sehr viele Unfälle. Man hupt, Reifen kreischen und Autos krachen. Auf der rechten Spur kommen Autos entgegen, die Ampeln befinden sich erst nach der Kreuzung, so dass jeder bei Rot gerade mal in der Kreuzung hält. Der Verkehr, der von rechts kommt, muss also die stehengebliebenen Autos umfahren. Am Abend regnet es in Almaty. Die Straßen werden zu einem Fluss mit einer richtigen Strömung. Die Passanten waten durch das Wasser und Autos schwimmen quasi auf der Mitte der Straße.

5. August 2003, Almaty/Kasachstan (Tachostand bei Ankunft 247683 km)

Wir schlafen bis spät morgens, denn der Jetlag hat zugeschlagen. Das schwere Hammelessen liegt uns noch schwer im Magen, deshalb gehen wir gleich spazieren. Selbstverständlich haben wir das Frühstück verpasst. Unsere Pässe haben wir noch nicht. Obwohl der Reiseführer schreibt, dass das Hotel dieses komische Ovir (Fremdenverkehranmeldung) übernimmt, also die verpflichtende Anmeldung beim Fremdenverkehrsbüro, wollte das Astana-International-Hotel, wo wir wohnen, es nicht übernehmen. Das könne nur die einladende Firma erledigen, in unserem Falle also eine uns unbekannte Reisefirma Sputnik von den Visaunternehmern in Deutschland. Unser Hotel Astana International nennt sich zwar ein Vier-Sterne-Hotel, aber hat eher zwei für den europäischen Standard. Wir freuen uns trotzdem, weil es rein und angenehm ist und es gibt warmes Wasser. Gleich in der Nähe, neben dem Präsidentenpalast, also im Zentrum, gibt es ein Riesengeschäft, Ramstore genannt, eine sehr teuere Oase eigentlich, mit Designerklamotten und Schuhen aus Italien, Parfums, die sogar teurer sind als in Europa, da alles importiert wird. Alles unbezahlbar für einen Einheimischen. Vor dem Laden treffen wir eine Familie mit einem Expeditions-Truck mit Luxus-Wohnaufbau aus Deutschland, einem Iveco, genannt Magellan II. Sie haben sich alles sehr komfortabel eingerichtet, sie sind ja auch längere Zeit von zu Hause weg, ich glaube an die drei Jahren. Mit ihnen tauschen wir wertvolle Erfahrungen aus. Sie heißen Dr. Daniela Hahn und Tilo W. Biederbeck. Spätabends um halb zehn, erhalten wir endlich unsere Kisten mit den Kleidern. Wir finden heraus, dass 10 min. in Kasachstan eigentlich mehr als eineinhalb Stunden bedeutet. Sehr gastfreundlich aber wird unsere Hotelrechnung von 80 Dollar pro Nacht, also viel zu teuer, von der Firma El-Dos bezahlt als Entgelt für die Wartezeit.

6. August 2003, Almaty-Taraz, 555 km (248216 km)

Um 9.00 Uhr dürfen wir unser Motorrad bei Eldos abholen. Momentan warte ich, während Claus versucht, es aus dem Wellblechstall hinter dem Plattenbau herauszubekommen. Während der Chef wieder mit irgendwelchen Papieren zum Zoll fährt, besuchen wir kurz den Panfilov-Park mit der Zhenkov Kathedrale. Es ist eine russische Kirche mit bunten Zwiebelkuppeln aus Holz. Im Park befinden sich überwiegend Russen, arme Leute, die Gott um Hilfe bitten. Um 12.00 Uhr dürfen wir endlich losfahren. Die Papiere, welche wissen wir nicht, sind endlich fertig. Wir fahren Richtung Bischkek zuerst entlang des Tienschan-Gebirges, das sich hinter schwarzen drohenden Wolken den ganzen Tag versteckt. Das Gebirge erstreckt sich im Süden Kasachstans an der Grenze mit Kirgistan. Die Straße führt bis an die Grenze, dann biegt sie ab nach Taraz im Süden Kasachstans. Ein Stück der Straße führt durch Kirgistan, aber von der Grenze merken wir nichts. Kamele grasen auf beiden Seiten der Länder. Die Steppe breitet sich grün aus für diese Jahreszeit, weil es viel geregnet hat. Normalerweise trocknet sie die sengende Hitze um diese Jahreszeit schon aus. Gebranntes Rot mischt sich mit kräftigem Gelb und blassem Grün. Weiße Blumen hellen die Hügel auf. Der ewige Wind streift über Gräser und formt die Hügel zu braunen Wellen. Die Straße ist relativ gut, trotz der Schlaglöcher. Der grobkörnige Teer wetzt die Reifen schnell ab. Obwohl das Land bettelarm ist und alles notdürftig improvisiert und zusammengeflickt wirkt, sind die Menschen sehr freundlich. Auch der Wächter von El-Dos-Cargo, der eine Riesenwaffe trägt. Wahrscheinlich, weil wir wie eine Zirkusattraktion auf sie einwirken. In Taraz tanken wir und übernachten im Hotel Taraz, einer Bruchbude, die vielleicht mal bessere Zeiten gesehen hat. Man kann zwischen Zimmern wählen, die 3000 oder 5000 Tenge kosten. Für 5000 Tenge bekommt man eine Suite - Haustiere, schwarze Einheimische inklusive. Wir sind bescheiden und nehmen das 3000 Tenge-Zimmer, das zwar groß ist, aber im Bad hängt alles schief und ich glaube, ich hätte die Kacheln besser gelegt. Die Tankstellen hier in Kasachstan und überhaupt in ganz Zentralasien haben keine Druckluft, also müssen wir unsere Räder mit der Handpumpe füllen. Normalerweise bezahlt man zuerst an der Tankstelle an der Kassa, schätzungsweise ungefähr wie viel Benzin in den Tank reinpasst und dann bekommt man das Benzin. Falls man sich mit zwei Litern verschätzt hat, fließt es halt auf den Boden.

7. August 2003, Donnerstag, Taraz-Tashkent (Usbekistan), 376 km (248575 km)

Morgens bekommen wir das Frühstück aufs Zimmer, ohne es verlangt zu haben. Dafür müssen wir aber 500 Tenge bezahlen. Es sind lausige vier Scheiben mit trockener Salami, zwei süße alte Kipferln und Hüttenkäse mit Zucker. Wir zischen schnell ab und ein paar Kilometer weiter von Taraz befindet sich das Aischa-Bibi-Mausoleum, ein altes Bauwerk aus dem 11. Jahrhundert. An den Restaurierungsarbeiten kann man sehr gut die Feinarbeit der alten Künstler beobachten: Feine Verzierungen und perfekt geformte Blumen in Lehm. Wir fahren weiter Richtung Symkent durch die braun-schwarze Steppe. Dort wo die Huftiere Gnade hatten, wachsen noch gelbe Halme. Ab und zu hängen am Rand der Straße leblose Bäume. In der Nähe von Symkent beginnen gelbe Äcker, die sich bis zum Horizont erstrecken. Nur die dunstigen Berge halten sie noch auf. Die "Autobahn" verengt sich unbemerkbar in der Nähe der usbekischen Grenze und wir verlaufen uns. Wir kommen an einem lokalen Übergang, wo wir umgedreht werden. Ein Einheimischer führt uns zu einem größeren Grenzübergang- ob es die internationale Grenze war, weiß ist nicht. Es gab nur PKW's da und es schien ziemlich klein zu sein. Auf einer Brücke über einen Nebenfluss von Syr-Daria dürfen wir in Usbekistan einfahren. Die Pässe werden ziemlich schnell kontrolliert, man nimmt uns die Einreisescheine ab und wir sind frei. Claus repariert noch schnell den Schalthebel in der sengenden Mittagshitze auf der Grenze, dann überqueren wir endlich die Brücke. Die Usbeken sind auch nicht Menschenfresser, wie sie uns geschildert wurden. Die Pässe werden gleich gestempelt, ein sehr netter Zollbeamter hilft mir in Englisch - er entschuldigt sich sogar, dass sein Englisch so schlecht sei - die Zolldeklaration in Russisch auszufüllen. Das Motorrad wird kurz angeschaut. Wir wechseln 200 Euro gleich an der Grenze und bekommen dafür drei dicke Büschel Sum dafür. 1000 Sum sind ein Euro. Wir wurden von Tilo gewarnt, nicht schwarz zu tauschen und alle Hotelquittungen aufzubewahren für die Ausreise. Kaum atmen wir auf, dass wir schnell und reibungslos die Grenze passiert haben, als uns die lästigen Milizia aufhalten, die usbekische Polizei. Sie kontrollieren alle, die ungewöhnlich erscheinen. Wir fahren weiter, da kommt noch eine Wache und in der ersten Stadt noch eine. Das nervt langsam. Außerdem wollen die nicht kapieren, dass wir nicht russisch können und auch wenn ich könnte, würde ich mich dumm stellen. In Tashkent staunen wir über die modernen Hotels wie Sheraton Usbekistan-Hotel und Silkroad-Hotel. Hier gibt es sogar skyscrapers, hohe Bürohäuser und viele Brunnen. Sie gehen hier richtig verschwenderisch mit dem Wasser um, obwohl sie in der Wüste wohnen. Claus sucht vergebens nach der alten Stadt, dann geben wir es auf und essen etwas im Zentrum. Es gibt neben dem Amir-Timur-Denkmal eine Straße, wo man Ramsch kaufen und gut essen kann. Dann fahren wir weiter, um das Hotel Turkistan zu suchen. Claus verirrt sich durch die Straßen und nach langem Suchen finden wir ein kleines privates Hotel, Bek genannt, das wie eine Oase mitten in den staubigen Straßen emporragt. Aber es ist voll. Doch man empfiehlt uns das Hotel Aristokrat, das sich in der Nähe von dem Hotel Mir, früher Rossia-Hotel genannt, befindet. Das Hotel Aristokrat ist eine Villa, sehr rein, gemütlich mit großen Zimmern, allerdings nur drei, und zwei freundlichen Jungs, die uns sagen, dass die Ex-Staatshotels voll Kakerlaken sind und heruntergewirtschaftet. Der eine spricht sehr gut Englisch und weigert sich, bakschisch zu nehmen, was mich in eine peinliche Situation stellt. Kasachstan hat 5 Stunden vor Deutschland, aber Usbekistan nur 3, also haben wir wieder eine Zeitumstellung, die uns ermüdet. Als wir am nächsten Morgen nochmals Geld umtauschen, bekommen wir gleich einen Ziegel dafür. Ich weiß jetzt, warum sogar die Männer hier kleine Ledertaschen tragen. Es sind eigentlich Geldbörsen.

8. August 2003, Freitag, Tashkent-Fargona, 422 km (248979 km)

Das Frühstück schmeckt uns gut bis auf die Konservenerbsen. Wir fahren los gegen halb zehn. Es sind schon erstickende 32° C Lufttemperatur. In Motorradklamotten ist das nicht gerade lecker. Claus sucht den Weg auf dem GPS, denn Schilder gibt es selten in Usbekistan, und falls, wie es sich später rausstellt, sind sie nur als Dekoration vorhanden und zeigen nicht die korrekte Richtung. Wir fahren in Richtung Angren und erwischen eine Nebenstraße. Die "Autobahn" ist nicht auf dem GPS eingezeichnet. In Angren näher wir uns den Bergen, die das Fargona-Tal umschließen. Riesige Baumwollfelder verschwinden und bröckliger trockener Lehmboden ersetzt sie. Überall liegen trockene runde Fladen, die auf die Felder gelegt werden zum Düngen. Sie sehen gar nicht so schlecht aus. Wie sie stinken, habe ich nicht probiert. In Angren und am Ausgang von Tashkent liegen viele Polizeikontrollen mit richtigen Straßensperren aus Betonklötzen, aber die Polizisten sind mehr neugierig oder sie beachten uns kaum. Vor dem Kamcik-Pass, der ins Fargona-Tal führt, versperrt uns eine Armee-Kontrolle den einzigen Weg ins fruchtbare, traditionsreiche Tal. Wir müssen aussteigen und Claus verschwindet lange in ihr Häuschen. Ich bleibe alleine mit den wilden Männern, die mich angrinsen und wage nicht einmal, meinen Helm abzunehmen trotz der Hitze. Doch sie bleiben freundlich und furchtbar neugierig. Überall, wo es nur geht, haben die Usbeken Blumen schön angepflanzt und sogar die Soldaten auf der Passstraße pflegen liebevoll ihre zarten Veilchen. Wir müssen staunen. Wie kann jemand wild und gefährlich sein wenn er das Schöne liebt? Nur gelbes, spärliches Gras bedeckt die kahlen Berge aus riesigen, roten Basaltsäulen. Im Fargona-Tal wellen sich die Berge zu safrangelben Sanddünen mit interessanten Formen, die wie aus einer Sanduhr in den Urzeiten herausrieselten. Der Tunnel auf dem Pass sieht gruselig aus und trotz (oder wegen) der tiefen Dunkelheit wird er gut bewacht. Die angenehme Kühle kommt uns willkommen. Dann steigen wir wieder in das sengende Hitzemeer hinab. In Kokan sehen wir noch die Spuren der usbekischen Kulturen, aber in der Stadt Fargona fragen wir uns, ob sie jemals die sowjetischen Spuren verwischen kann. Wir suchen uns ein Plätzchen, um das leckere Fladenbrot zu kosten. Claus wählt gerade den Stadtmarktplatz aus und sobald er den Motor abschaltet, sind wir dicht umringt von einer Menschenmasse. Claus ist das von seinen vielen Reisen gewohnt und bleibt locker, doch ich werde etwas nervös und flüchte gleich an einem Tisch, weg vom belagerten Motorrad. Wir sind jetzt die Sensation hier, Claus als großer Mann zwischen den kleinen Usbeken und ich als blonde Frau mit grünen Augen. Die Männer lachen, reden sogar mit mir, obwohl sie Muslime sind und die Frauen beobachten uns keck aus den Augenwinkeln. Um uns seine Gastfreundschaft zu zeigen, verscheucht ein Herr alle Gaffer, doch das ist eine Sisyphos Arbeit, denn es kommen immer mehr "Fliegen". Wir trinken schwarzen Tee, was richtig gut tut, essen Brot und süße, saftige Honigmelonen - eine wirklich köstliche Mahlzeit. Wir fahren weiter nach Fargona durch grüne Felder und verfehlen selbstverständlich die Hauptstraße, weil es keine Schilder gibt. In der Stadt Fargona ist alles verbaut von den Kommunisten. Wir essen auf einer kühlen Terrasse und bezahlen 9000 Sum dafür. Es riecht voll nach Abzocke, aber trotzdem ist es für uns noch billig, also bezahlen wir ohne zu murren. Wir versuchen den südlich gelegenen Camp Dugoba in den Alaj-Mountains zu erreichen; es soll dort sehr schöne Seen geben. Nach dem Geruch, entschuldigung GPS, findet Claus den Weg im Dorf Vodil an der kirgisischen Grenze, aber dieses Camp liegt wie ein Fleck in Kirgistan, also können wir nicht die Grenze passieren. Die frische klare Luft und die hohen Wände lassen uns nur erahnen, was uns verborgen bleibt. Wir kehren zurück ins Fargona und eine englischsprechende Kellnerin empfiehlt uns das neue Asia-Hotel. Das Fargona-Hotel, wo wir eigentlich ursprünglich übernachten wollen, sei sehr billig, daher nur für Einheimische zu empfehlen. Wir sollen lieber das Asia-Hotel probieren. Das Hotel empfängt uns wirklich angenehm, rein, kühl mit einem schönen Innengarten und einem Swimming-Pool. Allerdings kostet es 3 Dollar pro Person, um da schwimmen zu dürfen. Die zwar reinen Zimmer sind etwas zu klein geraten. Das freundliche Personal spricht Englisch, so dass Kommunikation unproblematisch verläuft. Man bekommt Coupons für das Abendessen, ein ziemlich mickriger Eintopf, die Getränke werden separat bezahlt, ebenso für das Frühstück. Das Bad könnte besser sein, besonders die etwas antike Dusche und die vergilbte Badewanne. Das Frühstück am nächsten Morgen schmeckt miserabel.

9. August, Samstag, Fargona-Tashkent, 371 km (249334 km)

Die usbekischen Frauen nehmen sich viel Zeit, das Brot schön zu verzieren, als ob es heilig wäre. Überhaupt scheinen die Frauen hier das Leben zu tragen, auf den Feldern, auf den Märkten, überall. Auf dem engen Weg zwischen Fargona und dem Rest des Landes droht uns das Motorrad ohne Benzin zu bleiben. Nicht gerade entzückend in dieser Steinwüste, wo nur entlang der Flüsse grüne Streifen wachsen. Benzin ist schwer zu finden und falls, dann nur 76 oder 75 Oktan. Über Angren, einer hässlichen Industriestadt, einem Tagebauwerk, schwebt die Luft stickig und rußig. Am Rand der Straße, mit keinen Verkaufsständen in der Nähe, sonst würden uns die Fliegen sofort umzingeln, repariert Claus geduldig meinen Fußraster, während ein starker Wind uns mit Sand und feinen Steinchen zubläst. In Tashkent zurück übernachten wir wieder im Hotel Aristokrat.

10. August, Sonntag, Tashkent-Samarkand, 368 km (249687 km)

Wir fahren ganz früh am Morgen los in der Hoffnung, mehr Kühle zu geniessen, aber um 10 Uhr morgens brennt schon die Sonne unbarmherzig auf uns nieder. Wir fahren entlang der ziemlich guten Autobahn in Richtung Samarkand, aber man muss mit Kühen auf dem Mittelstreifen rechnen. Es herrscht viel Gedränge, denn wieder kontrolliert die Polizei am Ausgang der Stadt. Trotz des Wüstenklimas wächst hier viel Grün wegen dem grossen zentralasiatischen Fluss, Syr-Darie, der aus Tadschikistan fließt und die ganze Gegend im Norden Usbekistans mit Feuchtigkeit versorgt. Der Fluss wird gestaut und es bildet sich eine Art Delta, wo man richtig die angenehme Nässe in der Luft spürt. In der Stadt Syr-Darie, wo der Strom in Kasachstan übergeht, durchquert die Autobahn ein Stück des Nachbarlandes. Es werden uns die Pässe kontrolliert von beiden Seiten und man wird in einem Buch eingetragen, aber sonst gibt es keine besondere Bürokratie. Wenigstens für uns Motorradfahrer. Claus möchte unbedingt den Basar in Urgut sehen, einem Kaff an der tadschikischen Grenze. Kurz vor Samakand, in Bulungur biegen wir von der Autobahn ab und fahren querfeldein über einen reissenden Fluss, der aus dem tadschikischen Gebirge kommt, durch Tabakfelder und Sandwege. In Guss werden wir zurückgepfiffen von zwei Milizia, die wir um ihre Sonntagssiesta gebracht haben. Sie wollen Pässe sehen, dann deuten sie auf unsere Ovirzettel in den Pässen, dass etwas nicht stimme. Der Chef kommt noch dazu und es scheint, als werden wir noch lange aufgehalten. Ich bin nicht sicher, aber wahrscheinlich als ich ziemlich gekratzt Claus sage, dass wir den Konsul anrufen sollen, ändert sich sofort die Stimmung und wir bekommen die Pässe zurück. Freundlich zeigt man uns den Weg nach Urgut. Zwischen kargen Felsen und sengender Sonne liegt der Basar aus Urgut. Mir wird es schlecht wegen der Hitze und kann nicht viel umhergehen. Wir fahren weiter und ohne dass ich es merke, stehen wir vor einer riesigen Kuppel, die türkis in der Sonne glänzt: Samarkand, die legendäre Stadt der Seidenstraße. Die Geburt der Stadt verliert sich in den Nebeln der Geschichte. Erste Dokumentierungen erscheinen in der Awesta, in der Schriftensammlung Zarathustras, und zwar war Samarkand als Mittelpunkt des alten Reiches der Sogder bekannt. Wahrscheinlich im 5 Jahrhundert v.u.Z gebaut, setzte sie sogar Alexander den Grossen ins Staunen, als er 329 v.u.Z das mächtige Reich der Sogdier eroberte, dessen Hauptstadt Samarkand (Marakand auf griechisch) war. Voll Bewunderung solle sogar der stolze Herrscher gesagt haben: "Alles, was ich über die Schönheit der Stadt gehört habe, ist wahr; ausser das sie noch schöner ist als ich sie mir je vorgestellt habe." Wir übernachten im privaten Hotel Furgat, nahe dem Registon-Platz (Sandplatz auf usbekisch). Das Haus mit vielen Zimmern erhebt sich um einen schattigen Innenhof. Das Zimmer kostet 35 Doller inkl. Frühstück. Am Abend gehen wir spazieren und vergessen gleich unsere Müdigkeit beim Ansehen der herrlichen Bauten am Registon. Im milden Licht fotografieren wir die Sherdor-Medrese. Störend und unangenehm pfeifen überall grüne Kittel (Milizia). Claus reagiert schon gelassen, aber ich könnte sie erwürgen. Außerdem ist der Platz mit Bühnen, Plastikstühlen und Lautsprechermonstern verbaut, da irgendwelche Wiederholungen für ein grosses Festival sind. Man sieht die Renovierungen der Sowjets und auf der Hinterseite ragen die Eisenstangen zum Stützen der Bauten. Die spitzen Bögen wurden teilweise rekonstruiert, aber die Lehmziegel werden von Querstangen getragen, sie haben keine eigene Traglast mehr. Die alte Kunst des Bauens ist für immer untergegangen. Am Abend wird der Platz mystisch beleuchtet und ein Dichter trägt ein Poem im Englischen vor, vermutlich Keats, aber ich kann nicht richtig verstehen. Langsam verschwinden die milizia, die Autos, die Asphaltstrassen und man wird zurück in den alten Zeiten getragen, in den Jahren in denen der grausame Tatare Jenghis Han die antike Zivilisation auslöschte. Sein Enkel, Timur (bekannt in Europa als Timur the Lane, oder Timurlane, weil er am rechten Fuss wegen einer Verletzung lahmte) liess Samarkand 1370 zu seiner Hauptsatdt aufblühen und rettete sie vom Vergessen.

11. August, Montag, Samarkand, 0 km (249687 km)

Um 7 Uhr weckt mich Claus und wir ziehen gleich los, die andere Medrese,Ulughbek, am Registon im Morgenlicht zu sehen, bevor die Touristen den Platz überschwemmen. Ein geschäftstüchtiger Milizia führt uns in das brüchige Medresa-Minaret von Ulughbek. Die Sicht von oben bezaubert uns, wir können auf den Innenhof und auf ganz Samarkand blicken. Die Ulughbek Medrese wurde 1420 unter Ulughbek, Timurs Enkel, zum Zentrum der Wissenschaft erbaut. Gegenüber erhebt sich seit 1636 die Sher-Dor Medrese (Medrese der Löwen) die mit zwei Felinen gescmückt ist trotz des islamischen Verbots, Lebewesen darzustellen. Dazwischen liegt die funkelnde Medrese Tilla-Kari (" Die mit Gold Überzogene") Danach besuchen wir die Bibi Chanim-Moschee.. Die Moschee wurde zu Ehren von Timurs Lieblingsfrau Bibi Chanim errichtet. Die Legende erzählt, dass sich in der wunderschönen Frau auch der Baumeister verliebt hat. Als Bibi den Baumeister dazu drängte, die Moschee früher zu beenden, um Timur eine Überraschung nach seinem Kriegszug zu bereiten, verlangte dieser als Preis dafür einen Kuss. Als Timur die Spuren des Kusses am nächsten Morgen sah, liess er seine Frau hinrichten. Die Moschee sollte die grösste der Welt werden, doch sie fiel der eigenen Grösse zum Opfer. Die Grenzen der Bautechnik wurden überschritten und die Moschee fiel in sich zusammen. Ein riesiges Tor und eine schöne Kuppel ragen noch zum Trotz der Jahrhunderte dem Himmel empor. Als Schönstes aber bleibt uns in Erinnerung die Totenstadt, Schahr-i-Zinda ("Die Gruft der lebenden Könige"), ein langer Majolika (typische Kacheln)-Korridor, an dem sich kunstvolle Mausoleen reihen. Ein leiser heißer Wind singt von den untergegangenen Zeiten der Macht und der Herrlichkeit. Es ist ein Märchen aus Tausend und einer Nacht, geschmückt mit grünblauen Fayancen und fantasievollen Blumen und Ränken. Der Lärm der Stadt ist hier ausgestorben und nur die Ruhe der Toten herrscht hier. Am Abend essen wir in dem Geierlokal (früher hatte der Besitzer einen Geier in seinem Käfig)gegenüber vom Registon. Die Suppe mit Fleischtäschchen schmeckt sehr lecker.

12. August, Dienstag, Samarkand-Buchara, 244 km (249920 km)

Wir besichtigen noch in der Früh das Guri Amir ­Mausoleum. Hier liegen Fürst Timur und sein Enkel Ulughbek begraben. Als 1941 der sowjetische Anthropologist Gerasimov die Krypte öffnete, wurde die Tatsache bestättigt, dass Timur für seine Zeit ein grosser Mann war (1.70 m gross), dazu am rechten Arm und Fuss behindert. Timur starb an Pneumonia während eines Eroberungszugs in dem härtesten Winter des Jahrhunderts, im Jahre 1404. Wir fahren Richtung Schachrisabs, dem Geburtsort Timurs. Die Straße führt über karge Berge, mit Felsblöcken übersäht. Vor dem Pass hält uns wie üblich eine Wache auf, die zum Spaß aufgelegt ist und einer klettert im wahrsten Sinne des Wortes auf das Motorrad. Ich quetsche ihm meinen Helm auf den Kopf. Nach der Überquerung werden wir wieder aufgehalten. Die Typen verhalten sich komisch, jedenfalls nicht koscher und schauen meinen Pass lange an. Wieder fragen sie Claus, ob ich die Ehefrau bin. In Schachrisabs tanken wir und in der brütenden Mittagshitze besichtigen wir das Mausoleum, das für Timur gebaut wurde. Doch als Timur starb verhinderte starker Schneefall und Kälte den Transport des Toten über die Passstrasse nach Scahrisabs und wurde deshalb nicht hier begraben. Über Karsi, wo wir zu Mittag essen, fahren wir weiter nach Buchara. Der Weg führt durch die Karsi-Steppe, aber kurz nach der Stadt verschlingt uns nur noch verdorrte Einöde, ab und zu von riesigen Gas- und Erdölanlagen unterbrochen. Der heiße Nordwind aus der Kisilkum-Wüste brennt uns die Haut und trocknet unseren Mund innerhalb weniger Minuten aus. Buchara taucht auf, wirklich wie eine Oase inmitten von Dornengestrüpp und Salztümpeln. Irgendwie schafft es Claus wieder, dass wir nicht normal in die Stadt einfahren, sondern wachen zwischen verstaubten Lehmhäusern in engen Gassen auf. Die Kinder umringen uns und bieten uns Obdach an, doch man kann darin nicht schlafen und die Toilette muss man zwischen Trümmern erst suchen. Also fahren wir zu Sascha & Sohn-Hotel. Ein freundlicher, marathonreifer Junge führt uns hin. Das Haus sieht sehr verführerisch und romantisch aus mit seinem schattigen Innenhof im usbekischen Stil, doch wir können das Motorrad nicht im Hof verbergen wegen den steilen Treppen und es in der Gasse zu lassen, inmitten der Kinderschar, würde es den Tod für unser Motorrad bedeuten. Wir übernachten bei Sascha und Lena, das auch dem selben Besitzer gehört. Das Zimmer ist groß und kühl, das Bad sehr sauber. Nach einer erfrischenden Dusche spazieren wir im Abendlicht durch die alte Stadt und bewundern die Meisterwerke. Wir essen am Rande eines Wasserbassins, Labi-Hauz genannt, unter knorrigen, alten Ulmen. Die tiefen Schatten von Nadir Divanbegi Medrese und Khanaka heben sich geheimnisvoll dem Sternenhimmel empor. "Die edle Buchara" (Buchoro-i-sharif) blühte im 9. und 10. Jahrhun dert zu Asiens islamischen und kulturellem Zentrum der persischen Kunst und Poesie. 1220 von Jenghis Khan zerstört, geriet es 1370 im Schatten des timuriden Samarkands. Im 16. Jahrhundert, unter den Usbek Shaybaniden (den Urvätern der heutigen Usbeken) kam die Stadt wieder zum Leben als die Hauptstadt des berüchtigten Buchara Khanats- berüchtigt zusammen mit Chiwa für die Grausamkeit und Strengheit der Herrscher. Als der gefürchteste von allen war Nasrullah Khan, der Metzger, bekannt, der 1826 an die Macht kam, indem er seinen Bruder un d weitere 28 Verwandte umbrachte. Im Jahre 1839 kam Kolonel Charles Stoddart aus der Britischen Armee am Hof des Khans Nasrullah um ihn zu versichern, dass das Britische Imperium Afghanistan angreifen würde. Doch seine Ignoranz der Etikette am Hof des Khans wurde ihm zum Verhängnis: er ritt und ging nicht zu Fuss in die Ark hinein, die Regierungsburg des grausamen Khans. Ausserdem wurde der Stolz des Fürsten auch dadurch verletzt, dass die Epistole nicht von der Königin Victoria geschrieben war, die Nasrullah als Ebenbürtige betrachtete, sondern vom Gouverneur Indiens. Stoddart wurde ins Gefängnis geworfen. Nach zwei Jahren kam Kapitän Conolly um seinen Landsmann zu befreien, doch als Spion Chiwas verdächtigt, wurde er selber gefangen genommen. Als dann 1842 die Briten in Kabul niedergeschlagen wurden, mussten die zwei Gefangenen ihre eigenen Gräber graben um danach auf den mauern der Ark enthauptet zu werden.

13. August, Mittwoch, Buchara, 36 km (250062 km)

In der milden Morgenluft fotografieren wir die stolzen Medresen und Moscheen. Kinder umschwirren die Touristen, aber sie sind noch nicht vom Massentourismus verdorben, sie folgen uns frech- süß und plappern fröhlich durch die Gegend. Fast alle können Englisch und hinter jeder Ecke hörst du ein "helo" piepsen. Neben dem Erkenem-Hamam, neben dem Männerbad, entdecken wir einen Eisenschmied mit verzierten Scheren. Wir wollen sofort eine und in seinem Geschäft finden wir mehr Kostbarkeiten. Claus wählt noch ein Messer mit Dracheninkrustationen auf der Klinge und ein kleines Klappmesser, doch als ich einen kleinen Säbel entdecke, mit dem Schaft aus Schlangenleder, rede ich so viel auf Claus ein, dass er trotz Platzmangel ihn kaufen muss. Ich bin glücklich und der schöne Säbel verschwindet im Koffer. Als die Mittagssonne unbarmherzig brennt, entscheiden wir uns für eine Mittagspause. Die Busse mit italienischen und französischen Touristen sind alle weggefahren. Es gibt hier sehr sehr wenig Touristen, und falls, dann nur sogenannte Kulturreisende. Aus Frankreich kommen sie meistens oder aus Italien, sehr wenige aber aus Deutschland. Die schmalen Gassen schlafen menschenleer, der heiße Wüstenwind fegt den Staub durch die Lehmhäuser und in der Stille flüstert er von untergangenen Jahrhunderten. Hier in Buchara entsteht die Tradition jeden Tag neu. Die Messer, Töpfe und Bücher wurden vielleicht erst gestern geschaffen- aber wie zur Zeit der Ahnen und so wird die Geschichte mit jedem Teppich neu geschrieben. Am Abend fahren wir nochmals in die Altstadt und während Claus die Khalon-Minaret hinaufsteigt, plaudere ich mit den intelligenten Kindern auf dem Platz und erzähle ihnen von Europa.. Alle haben große Pläne hier. Journalisten, Fotografen, Arabisch-Lehrer wollen sie werden, wenn sie mal groß sind.

14. August, Donnerstag, Buchara-Chiva, 515 km (250590 km)

Um 4 Uhr morgens fahren wir los um den größten Teil in der Kühle fahren zu können, denn von Chiwa trennen uns 400 km Wüste. Wir verfahren uns, da uns keine richtigen Schilder helfen und verfehlen den Weg nach Nukus. Das kostet uns eine Stunde Verspätung. Es fröstelt uns sogar noch ein bisschen, bis die Sonne über die Kisilkum-Wüste aufgeht und grausam den roten Sand und das blassgrüne Gestrüpp erhitzt. Amu-Daria schillert türkis durch den Sand und spendet ein bisschen Kühle, doch die Wüste weicht ihm nicht zurück. Wir überqueren nach der Abzweigung von Nukus nach Urgench einen Staudamm, der voll bewacht wird. Jetzt trennt uns nur noch eine schmale Eisenbahnlinie von der turkmenischen Grenze. Natürlich passieren wir noch eine Kontrolle. Der Milizia spricht mit uns in einem fließenden Englisch und gesteht, dass er bis jetzt keinen anderen Motorradfahrer gesehen hat in seiner ganzen Arbeitszeit. Wir kommen in Chiwa gegen 11 Uhr mittags an und wollen in der Altstadt im Hotel Urgench übernachten, das süß aussieht und somit auch von zwei Busladungen belagert ist, die aus Japan kommen. Doch wir werden zu dem neueren Urgench-Hotel gewiesen, das 200 m vor dem Nordtor der Stadt liegt. Das Hotel kostet 25 Dollar nach Verhandlungen, ist zwar renovierungsbedürftig und umstrukturierungsfällig, aber die grossen, leeren Zimmer spenden Kühle. Die russische Klimaanlage rattert wie ein Traktor und im Bad muss man zuerst die Toilette benutzen und dann duschen, streng in dieser Reihenfolge, denn es gibt keinen Duschvorhang und das Wasser verteilt sich regelmäßig im Raum. Am Haupttor, dem Westtor (Ota-Darvoza), treffen wir uns mit einem Führer, der Deutsch kann. Es ist reines Glück, denn da Chiwa klein ist, sollte man im voraus Hotels und evtl. den Führer buchen. Sonst riskiert man eine Nacht auf dem Feld und ohne Führer versteht man hier, in diesem Labyrinth sehr wenig. Herr Osmonov erklärt sehr freundlich und mit seiner Hilfe sehen wir Orte und Gebäude, die wir mit Sicherheit ausgelassen hätten. Wir laufen ihm ziemlich erhitzt und schlapp durch die engen Gässchen nach, die am Rand der Stadtmauern noch bewohnt sind. Die Bewohner dürfen sich keine Dächer bauen, um die Originalität der Stadt nicht zu verderben. Trotzdem ist die Sicht durch TV-Antennen und Kabel verpestet. Ganz natürlich erzählt er uns die Geschichte seiner Familie. Herr O. ist der Enkel des letzten Khanss Chiwas. Seine Zeiten sind für immer untergegangen. Doch er zeigt uns gerne sein Land und seine Stadt. Im nächsten Jahr will er ein schönes Hotel bauen aus dem Geld, das er aus seinen Führungen gewonnen hat. Nachdem wir alleine bleiben, kosten wir von dem schmackhaften lokalen Essen neben der alten Moschee mit den 213 Holzsäulen, dann tuckern wir noch im Abendlicht und fotografieren die Schönheiten. Wir suchen lange nach Benzin. Endlich finden wir es in einem kleinen, versteckten Hof und wir tanken aus russischen Fliegerkanistern, denn Zapfsäulen gibt es hier scheinbar nicht. Es gibt nur Schmugglerbenzin aus Turkmenistan, das aber von bester Qualität ist. Die alten Fayancen des Tosch-Hauli Palastes im Kobaltblau, Mayoliken genannt, kann man nicht mehr rekonstruieren, das Geheimnis ist mit ihren Meistern gestorben. Alles was man heute aus Lehm verbrennt, verblasst und splittert nach kurzer Zeit und das Blau wirkt trüb und ohne Intensität.

15. August, Freitag, Chiwa-Buchara, 462 km (251034 km)

Mit dem 5. oder 6. Schrei eines möchte-gern-getötet-werden Hahns stehen wir auf und nach einem sehr mickrigen Frühstück ziehen wir los, dem langsam rötenden Horizont entgegen. Noch genießen wir die angenehme Kühle, die durch die reichen Felder gespendet wird, doch um 9 Uhr sind es schon 32° C und um 10 Uhr 40°C in der Wüste. Claus nickt öfters ein und deshalb legt er sich einfach am Straßenrand im Sand nieder. Ich trinke einen Schluck Wasser und nach etwa einer Minute wecke ich ihn auf. Er fragt erschrocken, wie lange er geschlafen hätte und kauft mir eine Stunde ab. Also springt er ganz munter auf und wir fahren weiter in der unerträglichen Hitze. Die monotone Wüste mit den unendlichen Sauxas will nicht aufhören und ich bin schon im Stand-by-mode, um so wenig wie möglich Energie zu verbrauchen. Gegen 11 Uhr erreichen wir wieder Buchara. Im etwas kühleren Hof bei Sascha und Lena will sich Claus das Hinterradgetriebe ansehen, da Öl herautrieft. Wir brauchen ein neues Lager. Die Variante aus Deutschland zu importieren schließen wir sofort aus, doch der Manager des Hotels ist sehr hilfsbereit und führt Claus zu ein paar Auto-Services. Viktor Metanidze kommt aus Georgien. Doch sie finden kein passendes Lager. Auf dem Weg erzählt Viktor über das Leben hier. Kaum einer hat hier einen wirklichen Führerschein und falls sie einen haben, dann um 100 Dollar für die Milizia, ohne irgendwelche Prüfung oder Fahrstunde. Jetzt erklärt sich uns die Kamikaze-Fahrweise auf den Straßen und die vielen Milizias, gierig etwas dazuzuverdienen. Fast nichts kann hier importiert werden, da der Präsident sich für eine usbekische Wirtschaft entschieden hat. Falls man ein Auto importieren will, bezahlt man 60 % Zoll, also sieht man hier nur Daewoo und alte Ladas aus der Sowjetzeit. Daewoo wird im Fargona-Tal produziert. Die Gehälter sind extrem klein, ein Direktor verdient um die 100 Dollar pro Monat und man findet nicht alles was man will. Doch es gibt hier eine Bierfabrik Azia in joyned-venture mit einem Deutschen und sogar Coca-Cola hatte hier einmal eine Fabrik, doch die hat inzwischen geschlossen. Am Abend spazieren wir zum Laby-hauz und essen unter den alten Ulmen, diesmal aber bezahlen wir weniger, da wir schon zu den alten Kunden gehören. Wir geniessen die Atmosphäre unter den schattigen knorrigen Bäumen, gelümmelt auf den usbekischen Sofas, Holzplattformen mit einer quadratischen Form und in der Mitte mit einem Tisch und rundherum vielen, weichen Polstern.

16. August, Samstag, Buchara, 30 km (251064 km)

Um 10 Uhr morgens fahren wir mit Viktor auf den Automarkt im Süden der Stadt. Wir sehen einen ganz anderen Teil von Buchara, der den Touristen verschlossen bleibt. Auf einer riesigen Fläche sind viele Autoteile gesammelt, in riesigen Containern aus allen Ecken der Welt findet man fast alles, außer die gewünschte Größe unseres Lagers. Es gibt hier einen Motorradspezialisten, obwohl es hier kaum so etwas gibt wie Motorrad und falls, dann uralte Java oder Ural. Dieser Mechaniker hat ein Lager mit einer ähnlichen Größe. Er ist bereit, die Achse um 1 mm dünner zu schleifen, so dass auch das Lager mit dem Durchmesser von 16 mm passt. Er wird uns zurückrufen, wenn es so weit ist. Wir warten im kühlen Zimmer und dösen den ganzen Nachmittag. Endlich erhalten wir die gute Nachricht. Das Lager ist ersetzt und wir holen das Rad vom Mechaniker ab. Er bewirtet uns mit Trauben, Melonen und dem traditionellen Tee. Claus erklärt sich sehr zufrieden, denn in einer Stadt, 20 km entfernt, hat der Mechaniker den passenden Durchmesser gefunden. Also blieb die Achse intakt. Der Schaden kostet uns 100 Dollar. Claus fährt den begeisterten Mechaniker eine Runde durch die Stadt und in dessen Haus bietet ihm die Oma ein Abendessen an. Da ich nicht dabei bin, erklärt er ihnen mit Händen und Füßen, dass er deswegen ablehnen muss. Stattdessen bekommt er zwei alte Porzellanschalen für Tee, ein witziges Männchen gegen den bösen Blick und einen Koran in Arabisch und Russisch. Auf dem Weg zurück vorbei an den zwei Moscheen wird er von Kindern aufgehalten, die mich unbedingt noch sehen wollen. Also nehmen wir noch schnell Abschied von den kleinen Geschäftsfrauen. Unser Tischnachbar im Laby-hauz arbeitet für eine Firma in Tashkent, die BMW importieren will. Jetzt bauen sie gerade die Werkstätten dafür. Na dann mal viel Glück.

17. August, Sonntag, Buchara-Termez, 490 km (251530 km)

Was mich erstaunt, ist, dass es nirgends angezeigte Wechselkurse gibt. Man sagt einem nur mündlich den Kurs, der von einem Tag zum anderen wechselt. Auch fluktuieren die Preise in ein und demselben Lokal; so hat das Wasser bei Sascha und Lena einmal 1000 Sum gekostet, das zweite Mal nur 700 Sum. Für eine Suppe und ein Wasser im Labyhouse bezahlt man einmal 5000 Sum, das nächste Mal aber für zwei Gänge und zwei Mal 3 Bier und 3 Salate nur 7000 Sum usw.. Keine Preise werden fest angeschrieben. Beim Sonnenaufgang fahren wir weiter durch Baumwollfelder und in Karshi biegen wir ab nach Termiz durch karge, öde Berge. Auch hier oben verfolgt uns die Schwüle und die Polizeikontrollen und "registrati" werden noch lästiger in dieser Hitze. In Termiz verlaufen wir uns in einer flachen, langweiligen staubigen Stadt am Amu- Daria. Die hat sogar einen verrosteten Hafen- wozu?! denn der Amu- Daria versickert in der Kisilkum-Wüste. Nach einer Stunde Rundfahrt finden wir endlich das Zentrum und nach noch einer halben Stunde auch eine Bruchbude, die sich Hotel nennt, Hotel Termiz. Die Toilette hat kein Wasser, von Air-condition keine Rede bei 42° C und auf dem Boden ist nur Beton. Die Möbel, falls welche da sind, halten sich nur noch an den Ecken zusammen. Das Doppelzimmer, also zwei separate Betten, 1,80 x 1,40 m, kostet 16 Dollar. Wir suchen weiter und finden das Hotel Surchon, ein Riesenbetonklotz in Renovierungsphase, in dem früher die deutsche Armee untergebracht war. Für die leicht renovierten Zimmer in gleichem Zustand wie die des Hotels Termez wollen sie gleich 50 Dollar, da der Preis schon von der deutschen Armee verdorben wurde. Empört fahren wir weiter und auf einer gesperrten Straße im Zentrum sehen wir ein halbwegs ordentliches Hotel. Drinnen ist es angenehm kühl, aber wir dürfen da nicht bleiben, wie uns die fünf Milizia zu verstehen geben, die das Hotel bewachen. Aha, da müssen wohl die Deutschen untergebracht sein. Also bleiben wir stur und gestikulieren soviel, bis sie einen Kommandant der deutschen Flieger herholen. Nach langem Reden mit ihm und nachdem wir ihm die Situation erklären, ist er bereit, den Spieß zu fragen, ob wir noch ein Zimmer bekommen, denn das Hotel ist permanent und vollständig gemietet. Nach anderthalb Stunden kommt der Spieß vom Flughafen zurück, mit der guten Nachricht, dass wir ein Zimmer bekommen. Als Geschenk erhalten wir sogar zwei kalte Dosen Radler und zwei Mineralflaschen aus Deutschland. Der Vater Staat bezahlt alles, inoffiziell freilich. Wir plaudern ein bisschen mit den Piloten, die sich über das Leben und die Korruption hier beklagen. Die Milizia ist ständig am Ausrupfen, das Essen schmeckt hier miserabel und die Leute sind stinkig. Mit der Transalp fliegen sie jeden Morgen, wenn die Luft kühler ist, nach Kabul. Doch die Höhe, die sie über die Hindukush-Berge in Afghanistan erreichen, ist sehr kritisch und knapp. Abends essen wir in Analak, die uns von Soldaten als bestes empfohlen wurde. Das Frühstück nehmen wir ebenfalls hier ein.

18. August, Termez-Dushanbe (Tajikistan), 253 km (251780 km)

Am Morgen versuchen wir Mr. Gafarov Khassim in Tadschikistan noch einmal anzurufen. Er ist der Herr von der Firma Sayoh in Dushanbe, der uns die Einladung geschickt hat und der uns auch die notwendigen Erlaubnisse für den Pamir versprochen hat. Es gelingt uns nicht, ihn zu erreichen, da das Mobiltelefon in Termez nicht funktioniert. Wir fahren los Richtung Grenze. Dort müssen wir noch einmal usbekische Zolldeklarationen ausfüllen, die Koffer werden kontrolliert und freilich sind sie an dem Säbelkunstwerk sehr interessiert und packen es gierig aus. Ich bin entschlossen, nicht ohne den Säbel wegzufahren und nach meinen vielen Neins packen sie ihn schön wieder ein. Auf der tadschikischen Seite kontrolliert man uns schnell die Pässe und der schleimige Beamte gibt sich mit 4000 usbekischen Sums zufrieden. Am Zoll können sich die Beamten nicht einigen, ob Claus die Erklärung in Englisch oder Russisch schreiben soll und er darf einem Zusammenstutzen seitens des Chefs zuschauen. Aber danach dürfen wir ungestört weiterfahren. Die Gegend scheint sich kaum vom südöstlichen Usbekistan zu unterscheiden bis auf die blau uniformierten Polizisten, die uns aus dem Verkehr herauspfeifen, nur um uns "Welcome in Tadschikistan" zu sagen. In Dushanbe hält uns auch ein Polizist nur aus Neugierde an und versucht mit uns zu plaudern. Mit anderen Fahrern aber verfährt er sehr streng. Auf der Rudaki-Straße finden wir gleich mehrere Exchange-Offices und für 100 Euro bekommen wir 340 Somoni. Es gibt noch eine Unterteilung in Dirams, 100 Dirams sind 1 Somoni. Der Euro wird ganz gut gewechselt, besser als der Dollar. Also haben sie schon etwas von der Börse gehört. Wir versuchen noch einmal, Mr. Gafarov Khassim zu erreichen, doch kein Englischsprechender kann uns weiterhelfen. Hotel Tadschikistan scheint das einzige ordentliche hier zu sein. Für 70 Dollar lassen wir uns gerne mal verwöhnen, zumal die Eingangshalle einen guten Eindruck macht. Die Lifte sind auch ganz modern und transportieren uns mit klassischer Musik in den 5. Stock. Dort erwartet uns der krasse Gegensatz. Die Zimmer sind klein mit alten Spannholzmöbeln und zwei engen Betten, die durch einen Tisch getrennt werden. Man hat die Qual der Wahl. Entweder Kühlschrank mit selbstgekauftem Wasser oder Ventilator. Es gibt nur zwei Steckdosen und die zweite braucht man, um eine von den zwei Lampen anzuschließen. Beide gehen nicht. Doch das Bad bildet der Höhepunkt. In 2x2 m haben sie es geschafft, Klo und Waschbecken unterzubringen. Nach geraumer Untersuchung entdecken wir einen Schlauch der um die ­ sagen wir mal- Wasserhähne gewickelt ist. Das ist die Dusche, die direkt mit dem Boiler verbunden ist. Wenigstens hat man lauwarmes Wasser. Sie haben sogar einen Duschvorhang, der verhindert, dass die Türe nass wird. Dass das Klo überschwemmt wird und die Handtücher vorher entfernt werden müssen, spielt keine Rolle mehr. Warum denn auch? Im Kleiderschrank entdecke ich zufällig auch einen Heizkörper. Die Schalter sind eine Lernsache. Die Wandfunzel im roten Aludesign spendet kaum mehr als schummriges Bordelllicht. Wir gehen zum Abendessen im Lokal Sirius, das ägyptisch wirkt. Aber das Essen schmeckt gut und ist bezahlbar für Europäer. Sogar die tadschikische Royal-Crown-Cola ist eine hervorragende Imitation von Pepsi. Wir kommen mit zwei Geologie-Experten aus der Schweiz ins Gespräch, Hans Uhlmann und sein bulgarischer Kollege. Ihre Firma arbeitet an einem Frühwarnsystem für die 21 Dörfer im Murgar-Tal aus Pamir im Falle, dass der natürliche Staudamm vom See Sarez-köl überschwemmt wird. 1911 ist dieser Stausee durch ein Erdbeben entstanden, der 583 m tief ist. Falls dieser Damm bricht, würde es eine natürliche Katastrophe bedeuten. Sie erzählen uns auch von dem radioaktiven Müll an den Hängen der Berge in der Nähe von der Grenze zu China und Kirgistan. Es ist bloss eine Frage der Zeit, bis die Schneemassen diese in das Flusswasser spülen. Hans gibt uns auch eine Adresse einer NGO-Organisation in Chorog, von dem schweizer Rentner Peter Bieder betrieben, der uns gute Tipps für den Pamir-Highway geben kann. Der Abend verläuft gemütlich und danach schreiben wir noch E-mails in einem Internet-Cafe auf der Rudaki-Straße neben dem Opernhaus. Zurück im Zimmer werden wie Schaschlik gebraten in der Wärme, aber wir haben einen lahmen Ventilator, der zu der 70 $ Ausstattung gehört.

19. August, Dienstag, Dushanbe, 0 km (251780 km)

Das Frühstücksbuffet ­ ein schwedisches Buffet, bietet uns schwere Salamis, panierte Leber, Reis, Kartoffel- Pürree und Eierbrot, Früchte und Pancakes. Wir zahlen 3 Somoni für den Parkplatz, obwohl er zum Hotel gehört und suchen die Puschkinstraße, wo die Firma Sayoh ihren Sitz hat, um mit Gafarov Khasim zu sprechen. Keiner scheint eine Ahnung zu haben, wo die Straßen hier sind. Also ruft Claus noch mal an und - ein Wunder! wir sprechen endlich mit Gafarov Khassim, dem Direktor für Tourismus der Tadschikischen Republik. Er lässt uns abholen, das Gebäude liegt neben der afghanischen Botschaft, einer Bruchbude. Gafarov Khasim empfängt uns sehr freundlich und erzählt uns über seine Projekte. Sein Mitarbeiter empfiehlt uns die Fann- Mountains im Norden Tadschikistans, wo er ein Camp betreibt. Wir könnten an den sieben Seen und an seinem Camp am Iskanderkul See übernachten. Natürlich dürfen wir Penjikent nicht auslassen, die uralte Hauptstadt der Sogdier. Heute erinnert nur eine Ausgrabungsstätte an dem vergangenen Ruhm. Wir lassen Mr. Gafarov unsere Pässe für den "Pamir permit" und diskutieren lange mit ihm über die touristischen Möglichkeiten des Landes. Das Land erfüllt die schönsten Träume eines jeden Offroad-Liebhaber. Man merkt sofort, dass er ein Mann ist, der etwas bewegen will, wenigstens im Tourismus. Er kämpft um Vereinfachung und Vergünstigung der Formalitäten für die Einreise, organisiert Gruppen, bringt Reporter, sogar die von National Geographic ( allerdings haben sie nur eine kleine Reportage über Tadschikistan geschrieben). Er stellt sich Fragen, warum in Zentralasien keine feste, schöne Häuser gebaut werden wie in Europa. Warum nichts hinterbleibt und findet die Antwort, dass es hier mehr eine Rolle spielt, zehn Autos zu haben, Frauen und Rolex und goldene Zähne dazu, als etwas Dauerhaftes aufzubauen. Auch erkennt er, dass Zentralasien vom Feudalismus direkt in den Kommunismus gerissen wurde und jetzt fällt es zurück in den Feudalismus und Kleindenken. Die Markwirtschaftsentwicklung haben sie nie gekannt. Er empfiehlt uns das Museum für Musik auf der Parallelstraße. Es ist ein kleines Schmuckstück an Instrumenten, die seinem Freund gehören, einem bekannten tadschikischen Schauspieler. Im Nationalmuseum für Archäologie staunen wir über die uralte Kultur aus dem Paleolithikum und der Bronze-Zeit. Höhepunkt der Region war der mächtige Samanidenreich, der sich über Afghanistan bis in den Norden Indiens ausstreckte. Man erzählt, die Einwohner Pamirs seien Nachfolger von Alexander dem Großen. Sie glauben das selbst und sondern sich ab von den anderen Bewohnern des Landes durch starken Individualismus und europäischen Zügen. Pamir verbirgt die Wiege einer uralten Kultur und die wunderbare Wildnis hier gehört der Natur allein . Das Museum beherbergt auch den schlafenden Budha, den Budha im Nirwana, die älteste Budha-Statue, nachdem die Talibans den schlafenden Budda aus Bamian, Afghanistan zerstört haben. Es gibt noch drei alte Buddatempel in Tadschikistan an der Grenze zu Afghanistan, Überreste aus der preislamischen Zeit. Unsere Führerin hat das alles ehrenamtlich geleistet, da das Museum sich einen Führer nicht leisten kann. Sie selbst ist Historikerin, spezialisiert in dem ungeklärten iranisch-arianischen Problem. Ich muss zugeben, dass der Kommunismus eine Pest für die Welt war, aber für Zentralasien hat es Fortschritt und Zivilisation bedeutet. Sie haben den feudalische Islam aufgelöst, Technik und Infrastruktur in verlassenen Gegenden gebracht. Jetzt, in der postsowjet Ära gibt es hier wenigstens eine Basis für die Weiterentwicklung. Es hängt nur von den Leuten ab, wie sie diese benutzen. Für Tadschikistan mit Leuten wie Gafarov Khassim gibt es noch Hoffnung. Es scheint, dass das gemeinsame Erbe der Sogdier trotzdem überlebt hat. Wie erwartet statt 4 Uhr nachmittags ­ wie verabredet ­ erscheint der Assistent von Gafarov Khassim erst um 7 Uhr abends, als wir uns schon für das alleine Ausgehen vorbereiten. Er lädt uns zum gemeinsamen Abendessen mit einer deutschen Gruppe von den Ikarus-Reisen ein, die den Pamir-Highway mit Offroad-Fahrzeugen befahren werden. Der Führer gehört zu "Sayoh", ein Junge, der sehr gut Deutsch spricht. Er studiert in Khujand Deutsch und Englisch. Doch die Pässe sind erst morgen um 9.30 Uhr fertig. Naja, warten wir es mal ab. Wir verbringen einen gemütlichen Abend mit den deutschen Reisenden, tauschen Erfahrungen aus. In der Nacht kann ich kaum einschlafen wegen meinem Ekel vor den Kakerlaken, die im Bad ihr Unwesen treiben.

20. August, Mittwoch, Dushanbe-Penjikent, 288 km (252076 km)

Wir frühstücken sehr früh, da um 9 Uhr die Kakerlaken vergast werden und die Zimmer ausgeräumt werden müssen. Der Empfangsboy verhält sich äußerst unfreundlich und hochnäsig, also putze ich ihn ein bisschen zusammen. Die Pässe sind nicht um 9 Uhr fertig, wie versprochen, sondern erst um 10.30 Uhr. Aber sie sind wenigstens fertig. Auch die deutsche Gruppe fährt mit Verspätung los, in einem Militärfahrzeug der Marke Ural in Richtung Pamir. Wir aber fahren Richtung Penjikent, durch den Ansob-Pass. Kurz vor dem Pass regnet es stark, genug um uns zu durchnässen. Unser erster Regen, eigentlich der einzige, auf dem Motorrad. Wegen dem starken Wind trocknen wir sehr schnell. Die wilde Landschaft beeindruckt uns mit ihren gezackten Spitzen und sie wächst immer schroffer mit jedem Kilometer dem Himmel empor. Die Passstraße steigt steil und auf der anderen Seite eröffnen sich Schluchten mit reissenden Bächen. Wasser hat hohle Wände in den jungen Bergen ausgeformt. In den Fann-Mountains gibt es sehr viele Erze und Mineralien von den reissenden Gewässern freigelegt, so dass man die verschiedenen Schichten in grün, rot, gelb und grau-schwarz beobachten kann. Hier in dieser Wildnis kommt man am Nähesten der Gewalt und Kraft der Natur. Nach dem Pass verursacht uns ein spitzer Stein einen Platten. Das Szenario ist perfekt. Wind, Staub, große Trucks und Regen. Dicke schwarze Wolken über hohen Spitzen bedeckt mit Schneeflecken bilden eine ungeheuerliche Atmosphäre. Wir flicken den Reifen und teilen uns die Athmosphären beim Pumpen, während heftige Trucks und klapprige Ladas vorbeirattern. Es geht weiter durch spektakuläre Schluchten der Fann-mountains. 30 km vor Penjikent erneut ein Platten, da der Flicken sich gelöst hat. Auch jetzt ist das Szenario perfekt. Es wird dunkel, wir sind müde und wir sind in einem Dorf umringt von 30 Kindern. Wir tauschen den Schlauch aus und ein Einwohner pumpt uns freundlich den Reifen auf. Dafür lässt er im Dunkel meine Handschuhe weiter entfernt auf den Boden fallen in der Hoffnung, wir vergessen sie. Das tue ich aber nicht und wir finden endlich sie nach langem Suchen. Um 10 Uhr abends erreichen wir Penjikent. Doch auch der Posten hier, genau wie in Aini, versucht Geld zu erpressen, weil wir angeblich keine Erlaubnis für diese Stadt haben. Doch wir wissen, dass wir für diese Stadt ausnahmsweise keine Erlaubnis brauchen. Also lassen wir nicht locker und dürfen schliesslich weiterfahren. Wir suchen lange die Nadel im Heuhaufen, da die Beschreibung von Mr. Gafarovs Verwandten ungenau ist und keiner in der Stadt das Haus von diesem Verwandten kennt. Die Polizisten weisen uns zu einem komischen Hotel am Rande der Stadt, wo uns gleich drei besoffene Polizisten die Pässe untersuchen und nicht einmal die Visas finden. Ich versuche anzurufen. Während ich in der Posta telefoniere, wartet Claus draußen und wird von drei Besoffenen angerempelt. Ein Taxifahrer zeigt und schließlich ein anderes Hotel außerhalb der Stadt, doch in der Gruppe von Neugierigen ist ein Junge, der gut Englisch kann und er weiß auch wo Nekshoh, unser Gastgeber wohnt. Endlich! der hat auch lange auf uns gewartet ­ wir sind ja schliesslich um 10 Uhr losgefahren und jetzt sind es 12 Stunden vergangen- für läppische 300 Km! Wir essen kurz etwas und schlafen auf den Matten auf dem Boden, nachdem Claus zwei Kakerlaken entfernt hat. Trotz der einfachen Verhältnissen fühlen wir uns sehr wohl mit Neksoh und seiner Frau.

21. August, Donnerstag, Penjikent-Seven Lakes, 66 km (252139 km)

Die Toilette ist im Hof hinter einem Fetzen versteckt und das Waschbecken hängt an einem Schlauch, wo ständig Wasser fließt. Was für eine Verschwendung! Doch wenn die Leute hier etwas besitzen, dann viel reines Wasser aus den Bergen. Wir essen traditionell auf dem Boden und besichtigen nachher die alte Stadt Penjikent. Nachdem Alexander der Grosse die Sogdier unterworfen hatte, verliessen diese ihre alte Hauptstadt Samarkand und bildeten Penjikent auf. Ihr letzter König, Devastitsch wurde in 8. Jahrhundert von den Arabern ermordet. Zurückgeblieben von der Pracht sind Spuren des Zoroastrianismus, dessen Bräuche auch heute noch in den tadjikischen Häuser gepflegt werden. dann das Museum, wo nicht viel zu sehen ist, weil die Funde entweder in St. Petersburg sind oder vom Präsidenten genommen wurden. Sogar die sowjetischen Propaganda-Bilder hängen noch hier. Da kein Strom und Gas am Mittag vorhanden ist, kann uns die Hausfrau nichts kochen, aber Tee und Brot genügen uns. Wir fahren danach weiter nach Seven-Lakes, "Hafkul" auf Tadschikisch, in der Nähe der Stadt. Der Weg wird von der Armee wegen der Goldmine kontrolliert, die sich irgendwo in den Bergen versteckt, aber nach Anrufen und Telefonaten mit dem Chef dürfen wir weiterfahren. Trotz bewölktem Himmel ist die Landschaft sehr schön. Sieben Lapislazuli-Seen reihen sich auf einem wilden klaren Bach, jeder See ist getrennt durch einen natürlich geformten Staudamm. Am siebenten See campen wir auf einer Wiese am Rande eines Wasserfalls.

22. August, Freitag, Seven Lakes-Artutsch Basecamp, 135 km (252267 km)

Eine strahlende Sonne am Schäferwolkenhimmel weckt uns auf. Ein frischer Wind spielt mit dem Wasser im See. Wir frühstücken inmitten einer stillen Natur am Rande des Paradises. Beim Einpacken stört uns irgendein Hirte, der unsere "dokumenti" sehen will. Das ist aber jetzt zu viel! Jeder Dahergelaufene verlangt Papiere, das scheint hier indoktriniert zu sein. Also verlangen wir auf Zeichensprache, dass er uns zuerst beweist, dass er Polizist ist. Genervt verschwindet er. Wir verschwinden auch gleich, denn um 13 Uhr werden wir im Penjikent von Nekshoh zum Mittagessen erwartet. Wir müssen sehr schnell essen, denn irgendein genervter Fahrer aus demselben Unternehmen "Sayoh" beeilt sich, die französische Gruppe in den Bergen zu fahren. Um Nekshoh eine Freude zu bereiten, tauschen wir die Plätze : er fährt auf dem Motorrad mit und ich fahre einen Horrortrip in einem alten Bus zusammen mit den vier Franzosen Richtung Artutschcamp in den Bergen. Nach einer Höllenfahrt quartieren wir uns in einem alten Sowjetcamp für Alpinisten und trecken zwei Stunden zu dem nahegelegenen See hinter einem mächtigen Naturstaudamm. Zurück im Camp duschen wir warm, in 2300 m Höhe in Tadschikistan. Die Landschaften hier sind einfach überwältigend, sie verfolgen mich auch im Schlaf.

23. August, Samstag, Artutsch-Dushanbe, 327 km (252577 km)

Am Morgen stellt Claus am GPS fest, dass Seven Lakes nur 5 km von der usbekischen Grenze entfernt ist. Das könnte die Präsenz der Polizisten erklären. Nekshoh hat uns außerdem erzählt, die Usbeken hätten die Grenzen zu Tadschikistan vermint und es passieren viele Unfälle in den Bergen. Für zwei Betten, je zwei Dollar, warme Dusche in einer Bruchbude im Garten, Hundefutter am Abend und etwas Frühstück am Morgen bezahlen wir 35 Dollar. Dafür werden wir wie Freunde betrachtet. Auf ein herrliches Bilderbuchwetter fahren wir Richtung Iskanderkul-See ("See Alexanders"), der in Luftlinie zwar sehr nahe liegt, doch wir können die hohen Berge nicht passieren. 24 km abseits der Hauptstraße vor dem Ansob-Pass liegt der türkisfarbene See verborgen zwischen hohen Gipfeln und roten Felsen. Die Landschaft raubt einem schlicht den Atem! Es gibt sogar einen Campingplatz, der aber heruntergekommen ist. Ein Schotterweg führt um den See, an der Datschia des Präsidenten vorbei, durch eine bewaldete Bucht und hört in einer zweiten Bucht auf, die lieblich zwischen Felsen liegt. Der Gletscherbach bildet ein kleines Delta mit Walddickicht und einem kleinen Strand. Schweren Herzen verlassen wir dieses kleine Juwel. Die einzige Straße zwischen der Hauptstadt und dem Norden des Landes befindet sich in einem sehr schlechten Zustand, viel Schotter und noch viel mehr Sand, und wo noch ein bisschen Asphalt überlebt hat, da klaffen die Strassenkrater. Nur ein Patrol oder ein Landcruiser kann hier überleben. Mit dem Motorrad läuft man Gefahr, sich den Hals zu brechen. Auf der Rudaki-Straße in Dushanbe entdecken wir das Avesta-Hotel, das von außen sehr gut aussieht. Ein Doppelzimmer (selbstverständlich mit getrennten Betten) kostet 68 Dollar ohne Frühstück und ohne warmes Wasser. Es ist zwar besser ornamentiert und mit viel Stukkatur und Teppichen, aber eigentlich kaum besser als das Hotel Tadschikistan. Im Grunde genommen, eifern beide, kommunistischer als das andere auszusehen.

24. August, Sonntag, Dushanbe-Kalaichum, 295 km (252858 km)

Morgens kommt plötzlich heißes Wasser und der Lift funktioniert auch. Wahrscheinlich weil heute das internationale Forum für reines Wasser beginnt. Vielleicht deshalb verhält sich die Polizei in der Stadt auch so merkwürdig still. Vor der Abzweigung zum Flughafen tanken wir sehr gutes Benzin. Eigentlich die letzte Tankstelle für die nächste Woche. Wir fahren Richtung Khorog, doch die 500 km müssen wir auf zwei Tage verteilen, weil man mehr als 30 ­ 40 km/h nicht fahren kann. Es ähnelt mehr einer Enduro-Fahrt. Der Weg führt in schwindelnder Höhe über einer braunen Brühe, die sich durch rote Schluchten wälzt. Alles glänzt hier rot, die Felsen, die Erde, die Straße, sogar durch das Gras schimmert es rot. Teilweise muss man riesige Geröllfelder überqueren. Wahnsinnig! Die Landschaft wird immer wilder und jede halbe Stunde treffen wir auch ein Auto. Vor dem Haburobot-Pass wacht ein KGB-Posten, ein Überbleibsel der Sowjets. Sie sind sehr freundlich und weisen uns darauf hin, uns unbedingt in Khorog zu registrieren. Überhaupt sind bis jetzt die Polizisten sehr freundlich gewesen. Einer hat uns Brot gegeben, ein anderer zwei süße Birnen. Wir überqueren den Pass und abends kommen wir in Kalaichum an. Vor der Stadt, bei einem anderen Posten, treffen wir einen Englischsprechenden in einem US-Armee-T-Shirt, der uns bewundert und voll Respekt anspricht. Es sei kalt oben auf dem Highway, aber die Menschen sind freundlich und auch Essen wäre ab und zu zu finden- beruhigend. In der Stadt führt uns ein Polizist zum KGB-Haus und wir werden gleich am Abend registriert. Wir dürfen sogar unsere "motozicla" im Hinterhof der KGB abstellen, wo es sicher ist. Daneben ist gleich eine Oshchona, ein Gasthaus, das auch ein einfaches Zimmer zu bieten hat. Das Abendessen nehmen wir auf einer Holzterrasse, über dem reissenden Gebirgsbach im Getöse des Gewässers. Der Weg ist ab und zu mit verrosteten Panzer geschmückt und Landminen geben den Reiz dazu. Trotz der Härte und den Entbehrungen bleiben die Menschen gastfreundlich und respektieren heilig ihre Werte, das einzige was ihnen geblieben ist. Die Kinder schauen brav zu und drängeln nicht, sie sind bloß furchtbar neugierig- wie alle Kinder auf dieser Welt. Wenn während der Sowjetzeit ethnische Unruhen zwischen den verschieden Provinzen unetr Kontrolle gehalten wurden, explodierte der Kessel nach der Unabhängigkeit in den 90ern. Die islamisch-demokratische Koalition kämpfte gegen die Regierung für die Autonomie der Provinz Gorno Badakshan ( das Pamir Gebiet) und als 25000 russische Soldaten die Regierung unterstützen, zogen sich die islamischen guerillas zurück. Die Strasse nach Khorog, die Hauptstadt der Provinz, wurde vermint und Tanks gegen die Aufständischen eingesetzt. Erst 1997 wurde Waffenstille vereinbart, 1998 legten sie die Waffen endgültig nieder, als Folge der Aufforderung des Aga Khans. Langsam aht sich die Lage beruhigt und seit zwei-drei Jahren kann man das Land sicher bereisen, so sicher es halt in einem stark verarmtes Land sein kann.

25. August, Montag, Kalaichum-Khorog, 265 km (253109 km)

Wir zahlen dem Gastgeber 10 Somoni für das reine, einfache Zimmer. Wasser fliesst nur in einem Kanal auf der Straße. Es ist zwar reines Gebirgswasser, aber trotzdem in einem Kanal und das Plumpsklo des KGB kann ruhig als Folterinstrument hergenommen werden. Wir frühstücken am Flussrand in einer schattigen Oshchona. Der wütende Panj, Amu-Daria später genannt, reisst alle Steine im Weg mit und formt eine ungewöhnliche Mondlandschaft. Wir treffen viele bewaffnetePosten auf dem Weg mit zerschossenen Panzer. Die Straße befindet sich in einem sehr schlechten Zustand. Der Staub auf der Piste trocknet die Kehle aus. Ab Rushan weitet sich das Flusstal aus und das Gewässer beruhigt sich. Die vielen Sandbänke lassen die Grenzen näher erscheinen. In Khorog gibt es auch eine kleine Piste am Flussufer, die sie Flugplatz nennen. Der Flieger, eine Propeller-Schrottkiste, bahnt sich einen Weg durch riesige Schutthalden, die der Fluss und der Wind geformt hat. Es muss ein Abenteuer sein, nach Khorog zu fliegen. Auf der Hauptstraße stossen wir auf die University of Central Asia. Dort treffe ich den Marketing-Assistent, der uns aufklärt, dass die Uni ein Projekt von Aga Khan-Foundation ist, sekulär und nonprofit. Da will man die Menschen ausbilden, sich selbst zu versorgen. Eigentlich wollen sie Armut durch Bildung bekämpfen. Aga Khan wird als Imam von den Ismaeliten, einer mohammedanischen Sekte, anerkannt. Sie betrachten den Aga Khan als den direkten Nachfolger von Mohammed an. Der Marketing-Assistent zeigt und auch das Haus von Peter Bieder, dem Schweizer, doch er ist gerade in Dushanbe. Es wird uns das Hotel Serena empfohlen, das auch zur Aga Khan-Foundation gehört. Überhaupt ist der ganze Fortschritt hier mit Aga Khan verknüpft. Das Hotel zwischen der neuen Brücke zu Afghanistan und dem Flughafen blüht wie eine kleine Oase, kühl, sauber und hübsch- aber auch schön teuer. Doch Claus entschliesst sich, 120 Dollar für das Doppelzimmer zu bezahlen nach den kargen Bedingungen der letzten Tagen. Genussvoll planschen wir in der großen Badewanne. Nachmittags treffen wir einen lokalen Führer, der uns ein paar Nebenrouten des Pamir-Highways vorschlägt. Für Lake Sarez im Nordosten des Landes braucht man eine spezielle Erlaubnis, die wir nicht haben. Wir entschließen uns für die Route Khorog- Ishkashim- Hargush Pass- Lake Toktogul und wieder zurück. Das Abendessen im Hotel stellt nichts Besonderes dar. Das Bier wird separat berechnet, denn es scheint hier ein Luxusartikel zu sein. Wir kuscheln uns in den weichen, breiten Betten.

26. August, Dienstag, Khorog-Vrang, 211 km (253320 km)

Ich wache auf mit einer kleinen Mieze auf meiner Decke. Nach einem bescheidenen Frühstück registrieren wir uns beim KGB und tanken im Basar. Tanken scheint hier ein Problem zu sein. Man sagt vorher, wie viel man ungefähr will und das wird bei der Kasse freigeschaltet. Klar gehen immer ein paar Liter daneben, so dass es ständig stinkt. Wir fahren den ruhigen Panj-Fluss entlang Richtung Ishkashim. Es gibt uns ein trauriges Gefühl, wenn die Afghani Kinder über den Fluss herüberblicken, sogar beim Hotel verfolgen sie alle Bewegungen im Garten. Früher vereinte ein einziges Reich die heutigen Gebieten im Norden Afghanistans und Pamir. Als Alexander der Grosse diese Gegend erreichte, fand er das hochzivilisierte Volk der Achameniden Dynastie, gegründet von Cyrus dem Grossen, einem persischen König. Die stolzen Einwohner schlossen sich in den nachfolgenden Jahrhunderten mit den Nachbarvölkern zu dem mächtigen Khushan Imperium zusammen, der im 3. Jahrhundert u.Z. von den Hunnen geschwächt wurde. Im 8. Jahrhundert wurde dann schliesslich das Reich von den Arabern eingenommen und der Islam verdrängte die uralte Religion Zarathustras. Heutzutage praktizieren hier die Bewohner den friedlichen Glauben der Ismaeliten. Fundamentalismus ist hier ein Fremdwort. Obwohl die Feueranbeter schon seit Jahrhunderten verschwunden sind, haben einige ihren alten Bräuche überleb, wie die Reinigung der Gegenstände durch das Feuer. Der gemeinsame Glaube vereinigt sie noch mit den Afghani jenseits de Flusses. Vor Ishkashim warten wir bei einem Posten fast eine Stunde, da unsere Pässe zuerst registriert werden, dann wird in Ishkashim angerufen und dann wartet man, bis der russische Kommandant sein O.K. gibt. Die Zeit vergeht beim Plaudern mit schweizer Geologen, die die Gegend absuchen um die Gletscher- und Lawinengefahr einschätzen. Die ganze Pamirzone umfasst ein einziger Steinhaufen und Schlammlawinenreste. Die Gegend erstreckt sich sehr malerisch und wir blicken auf die Giganten des Hindukush Gebirges im Norden Afghanistans. In Ishkasim repariert Claus notdürftig mit Montierhebeln und einem Spanngurt meinen rechten Fußraster, der abgebrochen ist. Der rechte Koffer hält sich nur noch an zwei Punkten, da auch der Rahmen durch die starken Schwingungen gebrochen ist. Während der Reparatur hält ein Wagen an und zwei Soldaten fordern uns barsch auf, uns auch in Ishgashim beim KGB zu registrieren. Beim KGB behandeln sie uns äußerst unfreundlich und deuten daraufhin, dass das Motorrad zuerst mal abgesperrt sein muss. Sie betrachten es als eine Frechheit, dass wir kein Russisch sprechen. Doch als Claus Papiere und Einladung vom Ministerium herausholt, lässt man uns in Frieden. Der Weg steigt bis zu 2800 m Höhe an. Hier oben erblicke ich nichts als Wüste und nur der Wind wirbelt den feinen Sand durch die Luft. Die Atmosphäre erscheint uns unheimlich. In Vrang übernachten wir im Krankenhaus, in einem Zimmer mit Wänden aus Lehm und Holzboden, sonst nichts. Aber wir haben einen Schlafsack dabei und Isomatten. Nach langem Gestikulieren und nachdem die Ärztin mit der Schwester kommt, die ein bisschen Englisch kann, bekommen wir einen Gemüseeintopf, der lecker schmeckt (wie heisst das? Hunger ist der beste Koch!). Wir geben der Ärztin 20 Dollar dafür und sie freuen sich riesig darüber.

27. August, Mittwoch, Vrang-Dzilandij Alm, 208 km (253517 km)

Die ganze Gänseschar aus Krankenhausschwestern kichern sehr scheu und, beeindruckt vor Claus Größe und seiner Männlichkeit, wollen sie nur mit mir reden. Wir machen ein Gruppenfoto und ein schlichtes, weichesTuch gefällt mir so gut, dass ich es gleich der Frau abkaufe. Wir essen Eier, die mir sehr schlecht bekommen und mich in der Höhenkrankheit nicht gerade unterstützen. Die Hindukush-Gipfeln begleiten uns bis der Panj sich nach Afghanistan verabschiedet. Wir fahren entlang einem Nebenfluss vom Panj, der eine tiefe Schlucht in den Bergen geschnitten hat. Die Wüste in 3500 m Höhe beginnt. Ab und zu sehen wir Salzstreifen. Wir biegen im Hargush Pass ab, nach Norden und steigen auf 4000 m Höhe, wo nichts als die Steinwüste herrscht. Drei abgekochte Russen bewachen sinnlos diese braune Öde aus Stein, die sich bis zur Grenze mit China erstreck. Die Ölwanne leckt, also repariert sie Claus mit einer eckligen, blauen Dichtungspaste. Wir füllen Öl nach und fahren weiter. Mir wird es übel und ich leide unter starken Kopfschmerzen wegen der Höhe. Die Mondlandschaft bezaubert uns mit ihrer unendlichen Kargheit und Einfachheit. Auf dem Highway angekommen, fahren wir über dem Kaitezek Pass und nach der Beschreibung des Reiseführers biegen wir nach dem ersten Dorf links ab über einer Brücke. Doch der Weg windet sich schmal entlang eines Tals und scheint unbefahren. Viele Kalksteine erschweren die Fahrt. Bei einer Bachüberquerung müssen wir absteigen und das Motorrad schieben. Das eiskalte Wasser strömt in den Stiefeln- ein sehr angenehmes Gefühl zur späten Abendstunde. Weil es langsam dunkel wird, zelten wir auf einem flachen Pass. Der Weg ist definitiv falsch, denn das GPS zeigt, dass wir vor dem Dorf hätten abbiegen sollen. Ich fühle mich so schlecht, dass ich mich gleich hinlege und Claus kocht mir liebevoll eine Suppe. Wir legen uns schlafen, doch die Kälte scheint überall zu sein und ich leide an Atemnot. Beide können wir kaum einschlafen.

28. August, Donnerstag, Dzilandij Alm-Khorog, 189 km (253696 km)

Der Morgen beginnt kalt. Nach den ersten Bewegungen werden wir von Kurzen beschattet und die Mama bringt uns eine Schale Butter. Claus bringt ein Stück Brot, das die Einwohner froh annehmen oder, besser gesagt, mitnehmen. Brot gibt es hier oben nicht. Wir fahren zurück auf den Highway, wieder mit kaltem Wasser im Programm. Doch nach Dzilandij finden wir die richtige Abzweigung. Wir kommen auf ein hohes Plateau, von wo wir einen schönen Ausblick auf den Peak Karl Marx haben. Der Weg verläuft leicht, trotz Bachüberquerungen. Wir fahren an den See Tucumtajkul vorbei, ohne ihn zu sehen, denn er liegt hinter einem Berg versteckt. Wir haben keine Lust für weitere Abstecher, da wir früh in Khorog sein wollen, um das Motorrad zu reparieren. Wir steigen in das breite Tal des Shachdara-Flusses ab und fahren nach Khorog, wo wir gegen 5 Uhr ankommen. Peter Bieder von Inter-Assis ist diesmal zwar zu Hause, doch er vermietet keine Zimmer. Sein Fahrer führt uns zu einem Schweißer, der uns das Motorrad repariert. Es fließt wieder Öl aus der Ölwanne, also fahre ich mit einem Taxi los, Öl und Unterkunft zu finden. In der EMSDB Gastiniza, das auch zur Aga Khan Organisation gehört, verlangen sie zwar nur 26 Dollar pro Zimmer, doch den Rest, Frühstück, Dinner, Dusche, muss man separat bezahlen, also im Ganzen 40 Dollar und Abendessen wird sowieso nur für 6 Personen gekocht. Die reinste Abzocke.. Im Hotel Serena wäre noch frei, doch Peter Bieder lädt uns zum Abendessen ein und wir duschen auch bei ihm. Schlafen können wir bei seinem privaten Fahrer. Das klingt gut und wir nehmen das Angebot an. Für das Schlafen bezahlen wir 30 Somoni.

29. August, Freitag, Khorog-Pamirplateau Camp, 250 km (253934 km)

Wir wachen wieder mit Plumpsklogestank auf und waschen und das Gesicht im Garten. Wie können die Mädchen sich hier so hübsch anziehen, wenn sie keine Mindesthygiene beherrschen?! Ich ärgere mich mal wieder über das Frühstück. Entweder bekommt man Butter oder nur Brot. Beides zusammen überschreitet ihre Vorstellungskraft. Außerdem Aprikosen und Tee, na Mahlzeit! Wir tanken neben dem Basar und ich kaufe Essen ein. Man findet schon was zu essen und zwar billig, 1 kg Äpfel kostet 1 Somoni. Ich finde sogar Coca-Cola aus Kirgistan, reinster Luxus hier. Bei der Einfahrt auf dem Highway passieren wir einen Posten und wir entscheiden uns, in ein Seitental zu fahren, um zum Yashilkul zu gelangen. Es sollte die frühere Highway gewesen sein. Auf dem GPS ist der Weg eingezeichnet, doch nach dem Dorf Bahu führt der Weg zum Fluss über eine vermurte Gegend mit großen Steinen. Von einer Brücke weit und breit keine Spur und über die Steinlawine zu fahren ist unmöglich. Wir kehren um und fahren auf dem Highway weiter. Auf dem Pass Kajtezek bemerken wir, dass das Öl wieder fließt, abdichten hilft nichts. Außerdem wird es dunkel und kalt. Nach der Einmündung der Straße vom Hargus Pass und vor dem Alukurdorf breitet sich eine fantastische Mondlandschaft zwischen zwei Salzseen aus. Dort übernachten wir, das Motorrad wird auf die Seite gelegt, damit kein Öl verloren geht. Nichts als Wüste um uns und der Wind fängt an, am Zelt zu zerren und zu schütteln. Wir kochen uns zwei Suppen im Zelt. Ich bilde mir wieder Atemnot ein und gepaart mit den Raschelgeräuschen kann ich wieder schlecht schlafen. Außerdem frieren wir ordentlich.

30. August, Samstag, Pamirplateau-Karakul, 287 km (254207 km)

Am Morgen sind es gerade mal 5° C, doch die Sonne erwärmt sehr schnell diese Einöde. Das Salz glitzert wie Schnee im Morgenlicht und keine Seele weit und breit außer wir zwei. Claus repariert das Motorrad, er löst ein paar Schrauben von der Ölwanne und schiebt die Dichtungsmasse hinein- mal sehen ob das klappt. Claus entdeckt auf dem Weg, dass er den Ganghebel verloren hat, aber er kann zum Glück noch schalten. Nach ein paar Fotomontagen an dem Salzsee neben Alikur fahren wir weiter durch die Wüste. Es sieht aus wie eine riesige Gletschermoräne, eine rotbraune Schlammpaste mit unendlich vielen Kieselsteinen. In Murgab tanken wir wieder aus der Flasche und registrieren uns bei der Milizia. Claus macht ihnen mutig ein bisschen Dampf und diktiert ihnen die richtigen Spalten vor. Danach besuchen wir den kleinen Basar, der von Kirgisen beherrscht wird. Die Stadt sieht verwüstet aus. Sie strahlt die Atmosphäre eines Ortes aus, der kurz vor einer Katastrophe steht und die Menschen langsam ausziehen. Das Meer aus Strommasten gibt den Rest dazu. Wir essen in einer Tschaikana einen sehr leckeren plov. Wir warten zwar zwei Stunden darauf, aber es lohnt sich. Der Pass Akbajtal ("Weisses Pferd") schlängelt sich durch riesige Geröllhalden, der Wind und Schnee haben hier alle Felsen zu Staub und Stein zermalmt. Tiefe Furchen durchziehen den Schlamm. Der kalte Wind fegt uns fast vom Motorrad weg. Inmitten einer skurrilen Landschaft umgeben vom schroffen Pamir erstreckt sich der leblose See Karakul. Hier trifft sich Realität und Fantasie. Der Wind weht zu stark und zu eisig, als dass wir unser Zelt aufbauen können. Im Dorf am Rande des Sees fragen wir nach einer Gastiniza und die freundliche Frau nimmt uns sofort in ihrem Haus auf. Es ist ein großes Zimmer, ausgestopft mit Plüschdecken und einem Ofen in der Mitte, der wohlige Wärme spendet. Claus findet es sehr kuschelig und es macht einen netten Eindruck, also bleiben wir hier. Alle schlafen in demselben Raum auf dicken Plüschmatten: zwei Kinder, die Frau, die alte Oma, der Mann, der sehr spät nach Hause kommt und wir zwei. In der Nacht schneit es in den Bergen.

31. August, Sonntag, Karakul-Osh (Kirgistan), 298 km (254499 km)

Das Dörfchen liegt verschlafen zwischen den frisch gepuderten Bergen, alles ist friedlich, doch der nahegelegene elektrische Zaun zeugt von einer ungesehenen Gefahr: das russische Militär, das kurz nach Murgab einen zehn Kilometer langen elektrischen Zaun in Straßenhöhe gebaut hat. Er soll als Schutz zur chinesischen Grenze dienen, doch es erzählt von Brutalität, Autorität und Schikanierungen der lokalen Bevölkerung. Claus macht seine Fotorunde um den Ort, da die Wolken malerisch die verschneiten Spitzen verhüllen. Irgendwo am Seestrand findet er ein paar schöne alte Hörner von irgendeinem Schaf. Er möchte sie gerne mitnehmen und ich stimme begeistert zu. Zöllner an der Grenze nennen es Marco-Polo-Sheep und widersetzen sich, uns damit durchzulassen. Doch wir erklären mit Händen und Füßen, dass wir es gefunden haben und geben sie nicht weg. Die Grenzkontrollen am Kizilart-Pass dauern sehr kurz, vielleicht weil es dort oben sehr kalt und windig ist. Die Straße steigt ab durch rotgrüne Berge auf der kirgisischen Seite, wo eine Reihe von Posten bis Saritash den Weg versperren. Die kirgisischen Zöllner beachten uns kaum, lassen uns durch mit den Hörnern, doch ein Militärposten am Weg will Dollar dafür haben und gibt unsere Pässe nicht mehr her. Ich drohe mit einem Anruf nach Bishkek. Claus verlangt ruhig die Pässe zurück. Er gibt sie uns schließlich wieder und wir fahren weiter. Hinter uns, im Alaj-Tal bleiben die schönen weißen Spitzen des Pamirs versteckt in den Wolken zurück. Nach Saritash haben wir wieder eine Reifenpanne, die Claus schnell löst. Kein Wunder bei den miserablen, teilweise weggewaschenen Straßen. Wir sehen auch sehr viele Autos mit Reifenpannen. In Osh erleben wir einen Kulturschock nach zwei Wochen Tadschikistan. Viele Leute, Rummel und schlecht fahrende Fahrer. Ein Auto rammt uns fast von der Seite um uns zum Stoppen zu bringen. Ich erschrecke stark und zeige den Stinkefinger. Zu spät sehe ich, dass es Polizisten sind. Claus bemerkt nichts davon und fährt ruhig weiter, trotz des Hupens und mehrfachen Überholens und Bremsen des weißen Ladas. Wir suchen das Hotel Taj Mahal und weil wir einen brunkvollen indischen Bau, fahren wir haarscharf daran vorbei. Es liegt neben dem übervölkerten Basar über einer Bank und hebt sich kaum hervor. Den Eingang findet man sehr schwer, doch sie bieten reine Zimmer und warmes Wasser an. Alles für 600 Som, ungefähr 15 Euro. (1 Euro = 45 Som). Doch kein Frühstück. Wir essen in einem Restaurant mit Terrasse im Basar und gehen danach ins Internet. Der Basar wimmelt vor Leuten bis spät abends.

1. September, Montag, Osh, 0 km (254499 km)

Wir beschließen am Morgen noch einen Tag zu bleiben und uns auszuruhen.Beim Chinesen nebenan bekommen wir gleich am Morgen eine heftige Suppe, die aber sehr gut schmeckt und suchen danach eine Werkstatt (avtomoika), wo wir die Ölwanne abmontieren und abdichten können. Auf der Straße Richtung Bishkek hilft uns ein Mechaniker. So erhalten wir einen Einblick in den hiesigen Werkstätten, wo wegen Mangel und schwacher Zahlkraft sich alles zu Improvisation und Selbstbastelei reduziert. Nachmittags schlendern wir durch den Basar, genießen süße Trauben und suchen vergeblich nach den im Reiseführer beschriebenen Euroshopper. Hinzu kommt noch ein Einhemischer, der Englisch redet und uns vollquatscht und den wir nicht mehr los werden, bis Claus ihm nicht klipp und klar "Goodby" sagt und wir in den Frisiersalon eintreten. Der Haarschneider kennt seinen Beruf hervorragend. Abends suchen wir lange nach dem Restaurant Anadolu. Neben dem kirgisischen Theater finden wir dafür ein russisches Restaurant, wo es Life-Musik und kühle Luft gibt. Die Gäste tanzen in der Mitte und wir genießen die Atmosphäre und die Biere.

2. September, Dienstag, Osh-Arslanbob, 184 km (254673 km)

Wir fahren ziemlich spät los und es ist schon sehr heiß. Wir frühstücken in einem Dorf im Fargona-Tal, das etwas größer ist. Arslanbob rühmt sich mit einem Naturreservat für Walnussbäume. Die Gegend gefällt uns und wir wollen in den Mounteaneering-Camp zelten. Im Dorfzentrum empfängt uns ein Herr von CBT-Kirgistan, eine lokale Tourismusorganisation. Auf asiatischer Weise, sehr freundlich, aber ohne Widerrede zu dulden, bittet er uns in seinen Office Platz zu nehmen. Neben vielem anderem haben sie auch Übernachtungen im Angebot und -was Claus sehr stark begeistert- Pferdeausflüge. Wir mieten gleich zwei Pferde und einen deutschsprachigen Führer, den Deutschlehrer im Dorf. Bei einer netten Hausfrau werden wir untergebracht, die ihr Haus sehr gut bewirtschaftet. Außerdem hat es einen wunderschönen Blick auf einen Felsen, verdeckt von Walnussbäumen. Von zwei bis sieben Uhr abends reiten wir im Schritt auf zahmen Pferden durch die reiche Natur. Viertausender bewachen das Tal und zwei Wasserfälle stürzen sich in die Tiefe. Der Nachmittag vergeht angenehm und interessant trotz steiler Abhänge und schmalen Pfaden, auf dem sich die europäischen Pferde scheuen würden zu gehen. Wir essen noch gemütlich den allgegenwärtigen, hochgeschätzten plov auf der Terrasse. Claus schläft sofort ein vor Erschöpfung.

3. September, Mittwoch, Arslanbob-Ssong Köl Camp, 616 km (255269 km)

Gegessen wird auf einer Terrasse, freilich auf dem Boden, mit einem herrlichen Blick auf den Felsen und den Wald. Wir bezahlen insgesamt 800 Som für das Abendessen und die Übernachtung. Der Weg führt zurück bis zum Basar Kurgan, weiter über Toktogul, einer öden Landschaft. Bei einer Schranke müssen wir 15 Dollar als Touristen bezahlen, dafür, dass die Kirgisen ihre Landschaft zerstört haben. Wir haben keine Dollar, doch der Kassierer verhält sich ziemlich beschränkt. Ich brauche eine Viertelstunde, damit ich ihm das erkläre. Ich schmeiße ihm 40 Som hin, genau wie der Fahrer vor mir und wir fahren unbeirrt weiter durch die Felsen. Die Tunnels sind eine Zumutung, ohne Durchlüftung und ohne Beleuchtung, so dass man praktisch schleichen muss. Nach dem Ala Bel Pass biegen wir rechts ab Richtung Ssong Köl. Das regnerische und windige Wetter erschwert uns den Weg über die rote Piste bis zum Araldorf. Ab Aral geniessen wir den Asphalt. Der Weg führt Richtung Issik Köl, doch im Dorf Tügolsaj, im Zentrum bei der Milizia biegt man rechts ab. Es ist eine Sackgasse, man folgt dem Weg links, der dann später rechts biegt, querfeldein zwischen hohen Gräsern. In einem kleinen Tal kurz von Einbruch der Dunkelheit bemerkt Claus eine schleichende Panne. Also schlagen wir unser Zelt auf neben dem Bach auf der grünen "jailoo". In der Nacht hören wir Rufe von einem Vorbeireitenden, doch ansonsten werden wir nicht gestört.

4. September, Donnerstag, Ssong Köl-Tamzu am Issik Köl See, 276 km (255533 km)

Am Morgen stört ein Kurzer auf seinem Schimmel, der sich so wichtig glaubt, dass er uns aufwecken muss, um ihn zu beachten. Das scheint hier die Mentalität zu sein. Wir müssen noch den Platten reparieren, der aber langsam wieder Druck verliert. Trotzdem fahren wir weiter, wennauch sehr spät, erst um ein Uhr. Am Ssong Köl stürmt es; ab und zu leuchtet die Sonne zwischen riesigen schwarzen Wolken und der klare See glitzert ruhig zwischen den bedrohlichen Schneegipfeln. Die flachen, grünen Ufer sind mit Yurten und Pferden übersäht. Es gibt sogar ein Yurtenhotel. Am Südufer zählen wir wieder einen Platten, weil die Flickräder sich ausgefranst haben. Einmal auf der Hauptstraße, die von Naryn kommt, geht es sehr schnell, da die gute Straße eine hohe Geschwindigkeit erlaubt. Wir treffen zwei Fahrradfahrer aus Frankreich. Ein Polizist und ein Posten vor Issik Kül halten uns ewig lange auf wegen unserem Horn. Der Polizist weigert sich unsere Pässe zurückzugeben und will mit uns auf das Revier. Erst als ich das Telefon heraushole und ich nach Bishket anrufen will, verschwindet er blitzartig. Doch das kostet nur Zeit und wir kommen erst kurz vor der Dunkelheit in dem Ort Tamzu am Issik Köl, wo am Strand eine Hotelburg liegt. Zwar türmt sich sehr viel Kitsch auf einem Haufen mit Steinen und Plüschvorhängen, aber es ist gemütlich und das Bad funktioniert einwandfrei. Wir bezahlen 30 Dollar für die Vollpension. Das Abendessen ist allerdings ein Flop. Zwei Spiegeleier und Brot, dazu Nesskaffee und heißes Wasser. Wir wollten wenigstens Bier, aber die kapieren uns nicht und ich flippe aus, weswegen Claus mir böse wird.

5. September, Freitag, Tamzu am Issik Köl, 0 km (255533 km)

Mit schlabrigem Giessbrei und Brot beginnt unser wunderschöner Tag. Das Mahl runden wir noch mit einer Flasche Coca-Cola auf. Ausruhen, Baden und Sonnen am See vor herrlicher Gebirgseekulisseb folgt auf unserem Tagesprogramm und trotz des vermüllten Starnds und der lärmenden, einheimischen Turisten geniessen wir voll die Stunden.

6. September, Samstag, Issik Köl See-Rundfahrt, 461 km (255974 km)

Nach dem Frühstück fahren wir um den See Richtung Kolpon Ata. Wir planen eine Übernachtung im Karakul am Ostufer, deshalb lassen wir das Horn und das Geschenk von dem Besitzer, eine Cognac-Flasche, zurück im Zimmer. Kolpon Ata, eine größere Niederlassung mit touristischem Flair und vielen Übernachtungsmöglichkeiten bietet eine gute Tankstelle und sogar einem kleinen Flugplatz an. Karakol liegt nicht direkt am Ufer, sondern landeinwärts. Diese traurige Stadt lohnt sich vielleicht wegen der chinesischen Dungan Moschee und der verwitterten russisch-orthodoxen Holzkirche. Die Häuser der Gegend schauen anders aus, weiß mit hellblauen Fensterrahmen und Blumenvorgärten an der Straße. Es sieht irgendwie fremd aus, aber lieb. Das Südufer unterscheidet sich nicht viel vom Nordufer in der Schönheit. Es gibt aber höhere Berge, die den See bewachen. Dafür verunstalten durchgehend Stromkabel den Strand. Wir schaffen die Umfahrung bis abends, so dass wir uns entschließen, wieder in der Burg zu schlafen, wo wir auch ein heißes Bad einnehmen. Es gibt zwar viele Routen in die Berge hinein, doch Abenteuer genügen uns momentan, außerdem gab es Berichte von fortgerissenen Brücken. Auch waren die dunklen Wolken nicht sehr einladend.

7. September, Sonntag, Issik Köl, 0 km (255974 km)

Heute passiert nichts besonderes, außer dass wir früh aufstehen nur um zu frühstücken und uns dann weiter zu entspannen bis 12 Uhr mittags. Den ganzen Tag faulenzen wir in der Sonne. Zum Glück bemerken wir am Abend die Panne und Claus fährt mit den beiden Schläuchen ins nächste Dorf mit einem Gast, wo er sie beide richtig vulkanisieren und auch gleich montieren kann. Das Abendessen schmeckt richtig lecker: gefüllte Krautwickel. Unsere Haut brennt und wir schlafen ziemlich schlecht.

8. September, Montag, Tamzu-Almaty (Kasachstan), 520 km (256471 km)

Am frühen Morgen überqueren wir problemlos die Grenze zu Kasachstan. Kein Zöllner interessiert sich noch für unsere Hörner. Wir hatten ursprünglich vor, im Saryn-Canyon zu übernachten, im Südosten des Landes, aber irgendwie finden wir nichts besonderes daran und fahren weiter bis nach Almaty, wo wir gegen Abend ankommen.

9.-12. September, Almaty, 10 km (256481 km)

Im Hotel Astana-International verlangt man uns jetzt, wo wir alleine kommen und nicht mit einem Einheimischen, gerade mal 140 Euro für das Zimmer. Es ist natürlich eine Unverschämtheit. Auch das Hotel gegenüber bietet nicht viel mehr für seine 120 Euro. Warmes Wasser bekommt man nur auf Anfrage und das Frühstück reicht gerade noch. Wir bringen am zweitenTag das Motorrad zur Spedition zurück. Sie haben noch die Paletten und die Gurte, so dass wir das Motorrad ganz schnell und problemlos auf die Paletten montieren können. Die nächsten Tage bis Samstag verbringen wir mit Shoppen und mit Herumspazieren in Almaty. Wir entdecken sehr nette Geschäfte mit vielen tollen Kleidern, scharfen Schuhen (!) und vielen CD's (Raubkopien selbstverständlich), sowohl Musik als auch Software.

Als wir am 12. September, Freitag, frühmorgens vom Flughafen Almaty abheben, atmen wir erleichtert auf. Die Reise ins Heimatland wird in Baku, Aserbaidschan, unterbrochen, um Kerosin aufzutanken. Doch wir werden dabei nur noch mehr durchfilzt von den hiesigen Security Männern. In London angekommen, stellen wir fest, dass wir unseren Anschlussflug verpasst haben und müssen weitere vier Stunden auf dem Flughafen verbringen, was nicht gerade ein schönes Erlebnis ist. Spätabends kommen wir schließlich in München an und müssen dabei erschreckt feststellen, dass unser Auto nicht mehr anspringt, da irgendeine Lampe im Auto gebrannt hat. Also müssen wir noch bei meinem Vater in München übernachten und erst am zweiten Tag, nachdem wir den ADAC zu Hilfe gerufen haben, können wir zu Hause ankommen.

Gefahrene Gesamtstrecke: 9205 km Counter